Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 394

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik?
Date
1935-12-01
Page
394 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895548-2905533--08426-2905582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Artur Holde druck. Während der Kantor im Rezitativ durchaus das Melodische im Sinne der vorderorientalischen Musik betont — ob von der Orgel begleitet oder nicht, spielt für die Grundhaltung des Stiles keine wesentliche Rolle —, bringt der mehrstimmige Chor Gesänge, die, selbst wenn alte Melodien verarbeitet sind, völlig von der Harmonik des „klassischen" europäischen Tonsystems abhängig sind. Diese Werke stammen eben von Tonsetzera, die in dem europäischen, also von der Harmonie gestutzten Klangbewußtsein schaffen. Daher ist in dem musikalischen Gottesdienst einer Synagoge, die liedmäßig geformte, harmonisch ausgewertete Gesänge zuläßt, stilistisch ein Gegensatz: Orient und Okzident stehen sich mit den Ergebnissen jahrhundertelangen Wachstums nur locker verbunden gegenüber. Zu den konstruktiven Grundgesetzen der europäischen Musik gehört der taktmäßig abgegrenzte Aufbau der Melodie. Er läßt sich in der Regel auf vier- und achttaktige Gebilde zurückführen: Grundformen, die in der klassischen Musik herrschend sind, in der Romantik bis zu einem gewissen Grade erweitert und in der modernen Tonkunst von den radikalen Vertretern häufig beiseite geschoben werden. Der Orient läßt diese taktmäßige Abgrenzung der Melodie wohl gelten, sie spielt aber nicht entfernt die gleiche Rolle wie in der europäischen. Gewiß haben chorische Gesänge — etwa der jemenitischen Juden — Taktgliederungen; der Sologesang ergeht sich jedoch ganz überwiegend in freien Rezitativen, die eine straffere Metrik nicht zulassen. Die Rezitativformen des Orientalen zeichnen sich im Gegensatz zur „Strenge" und „Schlichtheit" europäischer Melodiebildung durch Reichtum an Verzierungen aus. Koloraturen, Triller, Läufe, Vorschläge, Portamenti erhöhen die große metrische Ungebundenheit. Diese zugleich dem Ausführenden zugestandene Freiheit treffen wir noch heute in den Gesangsmanieren der Chasonim an. Sie sind — so weit sie sich nicht moderner, in feste Form gebrachter arioser Gesänge bedienen — in der verzierenden Behandlung der Melodie selbständige Gestalter. Der Interpret europäischer Kunstmusik hält sich dagegen bei aller Mannigfaltigkeit des Gefühlsausdrucks streng an die vom Autor festgelegte, meistens mit vielen Einzelheiten der Dynamik, der Phrasierung, des Tempos ausgestattete Niederschrift. Der Orientale ist weitgehend Improvisator, dessen Phantasie, Temperament und Geschmack stark die Gestaltung der melodischen Urformen beeinflußt; der Europäer ordnet sich dem Willen des Schaffenden ohne den Ehrgeiz des schöpferisch eingreifenden Mitarbeiters unter. Der Orientale stellt sich vor, der Europäer hinter das Werk. Einen tiefgehenden, vom Seelischen her bestimmten Unterschied bedeutet die Bevorzugung des Dur in der europäischen 394

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.