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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 393

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik?
Date
1935-12-01
Page
393 (sequence 3)
Language
German
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Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik? Grundeigenschaften der gesamten europäischen Musik eindeutig festzulegen, ist unmöglich. Es lassen sich dagegen wohl die charakteristischen Bestandteile der Volks- und Kunstmusik West- und Zentral europas herausschälen. Diese ist auf einem einheitlichen harmonischen System aufgebaut, während die Musik der balkanischen Völker — bei teilweise gleicher harmonischer Basis — schon in weitem Umfange vom Stil des Orients beeinflußt wird. * Sucht man zunächst einmal die äußeren, also nicht im Psychologischen, sondern im Harmonischen, Akustischen ruhenden Merkmale zu ermitteln, die westeuropäische Musik von der des Orients unterscheiden, so ergibt sich als eines der entscheidenden Momente, daß das Denken und Fühlen des Europäers zum horizontalen (Melodik) und vertikalen Hören (Harmonik) neigt. Die Entwicklung seiner Musik drängt immer wieder zur Verbindung der melodischen Linie mit akkordischen Kombinationen. Selbst die einfache, unbegleitete Melodie eines Volksliedes ruht, seit Zarlinos und Rameaus Feststellungen dem Musiker völlig bewußt, auf dem Unterbau der Harmonik. Bei der orientalischen Musik dagegen ist die Melodie das absolut Primäre; was nicht ausschließt, daß sie auch akkordisch untermauert wird. Diese Ergänzung des melodischen Einfalls ist jedoch kein unlöslicher Bestandteil der musikalischen Idee, sondern eine mehr oder minder entbehrliche Zutat. In der frühen christlichen Kultmusik ist das harmonische Element zunächst nicht vorhanden. Vom alten jüdischen Tempelgesang übernahm man, wie sich aus gleich und ähnlich lautenden Melodieteilen ergibt,die psalmodierende Gesangsart, die auf dem linearen Prinzip ruht. Das; Hinzu treten von akkordisch geordneten Stimmen bereitet schon den grundsätzlichen Unterschied vor, der sich im Laufe der Entwicklung der europäischen Kunstmusik immer mehr herausbildet. Gewiß betonen Kanon, Fuge und die anderen kontrapunktischen Formen die Bedeutung und Selbständigkeit des melodischen Einfalls; aber neben ihm steht die Eigengesetzlichkeit der harmonischen Konstruktion. Die orientalische Melodie kennt nicht in dem gleichen Umfange wie die europäische die Funktion des „Leittones", jenes siebenten Tones der Skala, der in den Grundton zurückleitet. Es kommen vielmehr alle Stufen als Schlußtöne zur Anwendung. Auch im Gesang der Chasonim sind Schlüsse außerhalb des Grundtones eine häufige Erscheinung. Man darf daraus folgern, daß die Melodien der Synagoge, so viel in ihnen auch schon europäisches Klanggut aufgenommen sein mag, einen beträchtlichen Teil alter orientalischer Bestandteile enthalten. Der Gegensatz Melodik — Harmonik kommt in der Musik der modernen europäischen Synagoge besonders deutlich zum Ausr 393

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