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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 392

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik?
Date
1935-12-01
Page
392 (sequence 2)
Language
German
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Artur Holde Aber sind nicht doch bei aller Verschiedenheit der melodischen Ausformung Merkmale vorhanden, die auf eine innere, wesenhafte Verwandtschaft schließen lassen? Spürt man nicht doch die —- fast unwägbaren — Eigenschaften, die, aus der Landschaft, aus der gemeinsamen Geschichte, aus der Bluts- und Schicksalsverbundenheit wachsend, Kolorit und Architektonik jener Gesänge bestimmen helfen? Wie die Sprachen kein in sich abgeschlossenes, unveräußerliches Geistesgut, sondern einen Besitz bilden, aus dem jederzeit Bestandteile entlehnt und umgeformt werden, so sind Volksmelodien mit all ihren dem Heimatboden entstammenden spezifischen Wesenszügen ein fluktuierendes, über Landesgrenzen eilendes Element Durch die Entwicklung des zivilisatorischen Lebens haben sie die Wanderschaft in immer steigendem Tempo angetreten. Und doch erhalten sie sich in dem ursprünglichen Kreise so rein, daß ihre Urform auch durch Jahrhunderte hindurch keine einschneidende Änderung erfährt. * . Europäische Komponisten haben in neuerer Zeit exotische Musik ihrem Schaffen nutzbar gemacht, in dem Wunsch, durch ein solches Erweitern der Tonbeziehungen eine Bereicherung der Ausdrucksmittel zu erzielen. Die „Salome" von Richard Strauß, Gustav Mahlers „Lied von der Erde" sprechen von diesem Streben nach unverbrauchtem, außerhalb der Bezirke klassischer und romantischer Harmonik stehendem Klanggut. Beide Komponisten denken nicht etwa an das primitive Verfahren einer Übernahme von „Originalmelodien"; sie lassen vielmehr die ungreifbaren Dinge des Atmosphärischen in ihre Klangvorstellungen mit einfließen. Ein ähnliches Ingrediens ist die Exotik bei Debussy, der die abweichenden Tonleitern in das Melos seiner europäisch fundierten Musik einbezieht, bei Puccini, für den Exotik die Entlehnung gewisser melodischer und harmonischer Eigenheiten bedeutet. Sowohl Debussy wie Puccini erfühlen aber die Stimmungen ferner Landschaften und Menschen. Gemeinsam ist diesen vier Meistern die „Unrealität" der exotischen Melodie, denn sie wurzeln fest im europäischen Klangbewußtsein. Sie experimentieren nicht mit einem schon vorhandenen Melodiematerial; sie befruchten vielmehr ihre Phantasie durch die Exotik, um zu unbekannten, überraschenden Stimmungsgehalten und Ausdrucksmöglichkeiten zu gelangen. Das Wesenhafte orientalischer Musik erspürt Gustav Mahler unter ihnen am stärksten. Ist es eine ihm selbst kaum ins Bewußtsein dringende Affinität der Seele, die leichter die unterirdischen Beziehungen herstellt? Ist es der Jude in ihm, der die Urquellen jener Musik am instinktsichersten findet? 392

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