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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 390

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens
Date
1935-12-01
Page
390 (sequence 8)
Language
German
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Oskar Guttinann: Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens mancher rein musikalischer Werte, nicht als jüdisch anzusprechen ist. Die sonst so kritischen Hörer der Synagoge sind gegenüber ihrer Kultusmusik von einer gefährlichen Toleranz. VII. Bei dieser verzweifelten Lage, in der sich die Synagogenmusik heute befindet, macht sich auch hier, wie in allen geistigen und kulturellen Fragen, seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein Umschwung bemerkbar. Der Wille zum lebendigen Judentum, das erwachende musikalische jüdisch-religiöse Gefühl und dazu eine Jugend, der diese verbrauchte Musik unverständlich ist, fordern Beseitigung der Schablone, dieser unerträglich gewordenen musikalischen „Stimmungs"-Romantik, die sich, auch im Gebet und Rezitativ, in völlig unjüdischer Tonmalerei und Toninterpretation des Textes erschöpft. Man fordert Beseitigung des Begriffs „Tradition", mit dem ein gefährlicher Mißbrauch getrieben wird. Jede Neuerung wird aber von der jüdischen Masse, die nicht musikalischer oder kunstverständiger ist als jede Masse überhaupt, vorläufig noch mit dem Hinweis abgelehnt, daß man die — angeblich uralten — Melodien der Väter hören wolle. Wäre den Synagogenbesuchern bekannt, daß fast alle diese „ewigen" Melodien neueren Datums sind, man würde sich nicht so sehr gegen eine Umformung der synagogalen Musik sperren. Eine neue Reform wird sich in zwei Richtungen erstrecken müssen. Die erste Aufgabe ist, die alten Gesänge, die man ihres unzweifelhaften musikalischen Wertes und ihres jüdischen Wesens wegen zu erhalten wünscht, möglichst in ihrer ursprünglichsten Fassung wiederherzustellen. Es ist eine Art Kanon der Synagogenmusik zu schaffen, etwas ähnliches, wie es die katholische Kirche in dem gregorianischen Choral, die Protestanten in ihrem Choral- Melodienschatz haben. Man muß zurück zur Einfachheit und Größe der alten Tonweisen, man muß sie kritisch sichten und reinigen, man muß ihre Banalisierung und Verwässerung beseitigen. Dieser Kanon, der nur nichtharmonisierte, einstimmige und unrhythmisierte Melodik enthalten darf, kann zur Grundlage einer neu zu schaffenden stilvollen Tempelmusik gemacht werden, wobei das Problem einer stilreinen harmonischen Ausdeutung, genau wie in der katholischen Kirche, erörtert werden muß. Einfacher ist die andere Seite der Reform. Hier müssen ganz neue, freie Kompositionen geschaffen werden, nur mit der selbstverständlichen Forderung: geeignet für den jüdischen Gottesdienst. Hier mögen Stilversuche gemacht werden, man kann den mittelalterlichen a-capella-Stil, den Barockstil, die neuzeitlichen Bestrebungen, man kann auch Experimente in die Synagoge einführen. Man kann den „hebräisch-orientalischen Melodienschatz", den Idelsohn in zehn 390

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