Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 389 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895548-2905532--08419-2905577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens gab, nicht nur eine Tempel-, sondern auch eine weltliche Musik, die freilich mit der musica sacra zusammengehangen haben mag und stets wieder in sie mündete (sie tut es noch heute), bezeugt die Bibel, die unter anderem auch ein musikalisches Vermächtnis ist. Diese altjüdische Musik war orientalische Musik, das heißt, sie •war homophon (ohne Mehrstimmigkeit, auch in der Instrumentalbegleitung), ohne Harmonie, ohne Takt, unsymmetrisch, ohne Tonalität. Auf Grund der vergleichenden Musikwissenschaft und durch Analogie kann man sich ein ungefähres Bild dieser Musik machen. Im Mittelalter und in der Diaspora gingen Reinheit und Einheitlichkeit verloren. Der musikalische Einfluß der Umwelt, die Beziehung zu ihrer Kunst- und Volksmusik wurde entscheidend, der Begriff „jüdische Musik" begann sich auch im Ghetto zu verwischen, und sie verschwand, widerstandsunfähig geworden, erdrückt von der lebenskräftigen Musik der einbrechenden Umwelt. Die Emanzipation ergriff auch das überlieferte mitteleuropäische Gut einer schon stark verwässerten synagogalen Musik, meist sehr unkritisch mündlich überliefert und von jedem einzelnen Träger der Überlieferung — den herumziehenden Vorbetern — nach seiner Auffassung umgemodelt und vorgetragen. Daraus schufen die kodifizierenden Reformatoren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Musik für die Synagoge, die noch heute den Grundstock der Tempelmusik in Deutschland (und darüber hinaus) bildet und die man noch bis vor kurzem für eine „endgültige Regelung des synagogalen Gesanges" (Einstein) gehalten hat. In dieser Reform wurde eine Musik geschaffen, die nicht mehr an die Vergangenheit erinnerte. Man nahm ohne kritische Sichtung, weil Sinn und Neigung für historische Betrachtungen fehlten, die vorhandenen Melodien, rhythmisierte und harmonisierte sie und bearbeitete aus ihnen eine Musik, von der man annahm, daß sie etwas von dem Geiste einer jahrhundertealten Tradition in sich trug, zu der man in Wirklichkeit gar keine Beziehungen mehr hatte und auch keine mehr haben wollte. Zum andern komponierte man frei liturgische Musik, in hebräischer und schließlich auch in deutscher Sprache, im romantischen Stil der Zeit. Instrumentalbegleitung im Kultus ist schon in der Bibel belegt, daher ist die Einführung eines Instruments, wie selbst der Orgel, vertretbar. Aber ungewollt bedeutet sie doch, bei aller augenblicklichen Unentbehrlichkeit, eine starke Anlehnung an den Gottesdienst der Kirche. Sie wird in dem Augenblick entbehrlich, in dem man, wenn man ernstlich an eine Reform der synagogalen Musik herangehen wird, die begleitende Instrumentalmusik derjenigen anzuähneln versucht, die in der Bibel belegt ist. Die liturgischen Werke der epigonalen Reformer und ihrer Nachfolger bis heute sind also eine Assimilationsmusik, die im tiefsten Sinne, trotz nicht abzustreitender historischer Verdienste und 389