Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 387

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens
Date
1935-12-01
Page
387 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895548-2905532--08417-2905575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens V. Ein eigenes jüdisches Musikleben gab es bis vor kurzem in Deutschland überhaupt nicht. Die Juden in Deutschland haben, organisatorisch in großen Konzertdirektionen sogar grundlegend, als Besucher in sehr erheblicher Zahl, an dem öffentlichen Musikleben lebhaften Anteil genommen. Sie fügten sich ohne weiteres diesem Kunstleben ihrer Umwelt ein und lehnten spezifisch jüdischmusikalische Veranstaltungen im allgemeinen ab. Das Musikleben der Umwelt war ihr Musikleben. Der Kulturbundgedanke, der nach der politischen Umwälzung des 30. Januar 1933, von Berlin ausgehend, den Juden eine eigene gesonderte Kunstkonsumption sichern sollte, knüpfte auch in der Musik an diese Konzert- und Theatertradition an. Er hatte zunächst nur das Bestreben, diesem plötzlich isolierten Publikum Ersatz für das Entgangene zu bieten und baute sein Programm, ohne Rücksicht auf alle geistigen Strömungen innerhalb und außerhalb des Judentums, auf einer vergehenden bürgerlichen Schicht auf. Die Besucher sollten das seit Jahrzehnten Gewohnte vorfinden und so in stetem Zusammenhang mit der abendländischen Musikkultur, so wie man sie auffaßte, bleiben. Man hatte dabei völlig übersehen, daß in der Umwelt selbst dieser Zusammenhang seit langem in Frage gestellt war, weil ganz andere musikalische Kräfte aus den sich umschichtenden Volksmassen ans Licht drängten, bekannt als Volksmusik-Bewegung, Singeschulen, musikalische Jugendbewegung, Gemeinschaftsmusik, Gebrauchsmusik („Musikalische Gemeinschaftskultur", wie Jöde es nennt). Die heranwachsende jüdische Jugend in Deutschland war längst von diesen neuen Zielen ergriffen. So stieß die Kulturbund-Bewegung auf ein überaltertes Publikum, die Jugend blieb aus; denn zu der Musik ihrer Vätergeneration hatte sie, soweit sie wirklich lebendig empfand, höchstens ein respektvolles Verhältnis. Man kann aber eine Kultur nicht allein auf der, meist überwerteten und zweifelhaften, Erfahrung der Älteren aufbauen, ohne den Elan der andringenden Jugend. Diese Jugend hatte es längst vor der Absonderung gefühlt, daß ein jüdisches Musikleben nur eine Frage der jüdischen Gemeinschaft sein kann. Sie hat dabei das Verlangen eigener Aktivität, sie will sich die Grundlage ihrer Musikkultur selbst erarbeiten, nicht sich hinsetzen und nur die komplizierte Kunst der Klassiker und Romantiker hören, die ihr keine genügende Steigerung ihres Lebensgefühls mehr bietet. Das Bedürfnis nach jüdischen Singeschulen, nach jüdischen Laien-Orchestern war schon lange sehr lebhaft und beginnt erst jetzt befriedigt zu werden. Man hat endlich angefangen, eine jüdische Volksmusikkultur aus der Gemeinschaft heraus aufzubauen, sie wird sich, wenn auch langsam, entwickeln, und der jüdische Geist wird sich in und an ihr entzünden. Man muß allmählich etwas schaffen, was der künftigen Lebensform 387

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.