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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 386

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens
Date
1935-12-01
Page
386 (sequence 4)
Language
German
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Oskar Guttmann IV. Aber erst Arnold Schönberg zog die von Mahler erahnten Konsequenzen. Auch er, von der Romantik herkommend, fühlte sich als Künstler ohne festen Boden. Aber vor der Tragik der unfruchtbaren Zerrissenheit rettete ihn, wieder völlig unbewußt (aber darauf kam und kommt es niemals an) der endgültige Durchbruch eines „latenten Orientalismus", wie es Berl nicht unzutreffend genannt hat. Er zerbricht wirklich die herkömmlichen Elemente der abendländischen Musik: Harmonie, Melodie und Rhythmus, Tonalität, Takt, Formen, Symmetrie und Periodik. Das uralte Klangbewußtsein des östlichen Menschen bricht in die abendländische Musik ein, um sie, als Kunst, durch Aus-dem-Wege-Räumen von angeblich Überlebtem, zu erneuern und weiterzubringen. In Schönberg wettstreitet der oft überspitzt grübelnde Geist des Juden mit dem ewigen Hang des Westeuropäers zur spekulativen Betrachtung der Kunst. Schönberg hat die ohnehin immateriellste aller Künste so vergeistigt, daß beinahe nur ein Gerüst ohne greifbaren Behang übrig geblieben ist. Er ist ein Monomane des abstrakten Tonspiels, des äußersten Gegensatzes zur romantischen Sinnlichkeit. Unsinnlichkeit des Klanges ist dem konkreten musikalischen Klangbewußtsein des Orients aber völlig entgegengesetzt. An dieser innerlichen Paradoxie (Abstraktion gegen Orientalismus) zerbricht der Musiker Schönberg. Seine letzten Werke, „die Werke eines kaum mehr nachfühlbaren, unkontrollierbaren und deshalb sehr monozentrischen und asozialen Ausdrucks willens" (Riemann- Einstein), sind die strengste Konsequenz seiner konstruktiven Musik. Sie wollen nichts mehr sein als äußerste Objektivierung des Klanges und haben damit aufgehört, Musik zu sein. Eine größere Tragik kann es für einen Musiker nicht geben. Mit Schönberg schließt vorläufig der Kreis der richtunggebenden jüdischen Musiker. Sie begannen mit restlosem Aufgehen in der abendländisch-romantischen Musik und enden mit beinahe gewaltsamer Trennung von den Empfindungsinhalten ihrer Umwelt. Schönberg, als genialster Exponent heute lebender jüdischer Musiker, hat um sich einen eigenen Raum geschaffen. Er ist isoliert, und — er hat sich selbst isoliert. So wird die gegenwärtige Situation des Judentums in der Musik — ihm noch lange nicht bewußt und glaubhaft geworden — durch Schönberg verkörpert. Er hat am tiefsten gefühlt, wie sehr die Romantik vorbei ist, bei ihm schlug der Pendel der unsinnlichen Abstraktion bis zur Negierung der Musik aus. Das Judentum wird, wie sein musikalischer Exponent, erkennen müssen, daß die Zeit des Sichauslebens, des persönlichen Bekenntnisses, die Zeit der .„'großen Schmerzen", aus denen man die kleinen Lieder und die großen Bekenntniswerke macht, vorbei ist. Das neue Gefühl, die neue Geistigkeit wird ihm aus anderen Quellen fließen müssen. 386

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