Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 385 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens dringung ihrer künstlerischen Persönlichkeit gewesen. Denn es entscheidet ganz zuletzt das Individuelle, besonders dann, wenn Kunst so tief in den abendländischen Kulturkreis eingebettet ist wie die musikalisch-künstlerische Betätigung der jüdischen Musiker dieser Zeit es war. Selbst Offenbach, in dem doch manche neuen seelischen Bestandteile des Ghetto-Judentums (eine gewisse weiche, oft weichliche und bisweilen resignierende Sentimentalität, die aber mit den Schellen einer melancholischen Selbstpersiflage überklingelt, mit Ironie unterdrückt, mit abwehrendem Zynismus verdrängt wird) Fleisch geworden zu sein scheinen, selbst dieses größte musikalische jüdische Genie ist trotz seiner direkten Abstammung von den Lezzanim des Ghetto eine ganz typisch westeuropäische Kunsterscheinung. III. Das Grundwesen der bisher betrachteten Juden in der Musik war die romantische Empfindung. Die jüdischen Musiker sind die lebendigsten Exponenten dafür, wie sich die Juden ihre Emanzipation — diese Frucht einer nüchternen Aufklärung — idealisierten und romantisierten, indem sie sich einbildeten, für alle Zeit friedvoll in ihre Umwelt eingebettet zusein. Zwei Musiker, ihrer Zeit voraus, verlebendigten den sich ankündigenden Durchbruch eines neuen , jüdischen Empfindens in ihrer künstlerischen Art: Gustav MahleT und Arnold Schönberg. Was gleichzeitig Herzl empfand und zu formulieren versuchte, erschien, ihm wieder völlig unbewußt, als tragischer Kampf in Mahlers Werk. Als die Epoche der romantischen Musik überreif zu Ende ging, mußte sich der künstlerische Exponent dieses Unter- und Überganges, mußte sich der Jude Mahler als in der Luft schwebend empfinden. Er ist tatsächlich der erste jüdische Musiker, der an der Traditionslosigkeit tief gelitten hat. Daher in seiner Musik das Grauen und der Krampf, daher aber auch die Ekstase, die an die Bekenntniskraft der alten Propheten erinnert. In seinem Kampf gegen die abendländische Harmonie („es gibt keine Harmonie, es gibt nur Kontrapunkt"), seiner Betonung der Melodie und seiner oft orientalisch einförmigen Rhythmik rang die sterbende Romantik mit einem nur geahnten neuen musikalischen Kunstideal. Mahler zerbrach an dem doppelten Zwiespalt in sich zwischen dem Romantiker und dem Neuerer, d. h. zwischen subjektivem Bekenntnis und objektiver Musik, und zwischen Kompliziertheit des Westens und Primitivität des Ostens. Er ist die tragischste Figur, die die Musikgeschichte kennt, vielleicht weil er als entwurzelter Jude ein entwurzelter Künstler war. Er verkörpert die Situation des Judentums in Deutschland um 1900, das sich zu verlieren drohte, in reinster Form. 385