Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 384 (sequence 2)
- Language
- German
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Oskar Guttmann Tonarten mit ihrer schwankenden Tonalität, die der abgesonderte Konservativismus des Ghetto bewahrte. Gewiß mag manchmal eine eigenartige Mischung aus der Musik der Umwelt und der spezifischen Empfindungsweise des Ghetto-Judentums entstanden sein. Gewiß hat man manches melismatisch umgebogen, und noch manches tief im Blute sitzende orientalische uralte Erinnern mag unbewußt an einzelnen melodischen Teilen oder Tonreihen, an Motiven und Rhythmen mitgeformt haben; aber davon floß nichts in die Kunstmusik, der sich die jüdischen Musiker nach der Emanzipation in verhältnismäßig großer Anzahl zuwandten. Die Haltung der emanzipierten Juden in der Musik entsprach der Haltung der Juden damals überhaupt. In einer Freiheitsbenommenheit ohnegleichen stürzten sie sich auf die kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften der Umwelt. Alles, was mit der Vergangenheit zusammenhing, was an das Ghetto, an „Jüdisches" erinnerte, das man zu pflegen und zu erhalten genötigt gewesen war, gab man schnell preis. Dazu gehörte bei der Musikalität der Juden als ein ganz wesentlicher Teil ihrer Kultur eben die Ghettomusik, mochte sie auch noch so wenig arteigen oder aus jüdischem Gut .entsprossen sein. Die jüdischen Musiker stießen auf die Kunstmusik der Umwelt, diese einzig dastehende Fülle der Barock-, Rokoko- und der klassischen Musik, in der die Romantik eben so bedeutend schon aufdämmerte. Ein plötzlich so leicht zugänglicher Reichtum an künstlerischen Gütern mußte blenden und überwältigen. Und wie eine Folge der Emanzipation die völlige Anähnelung der synagogalen Musik an die Romantik durch die sogenannten Reformer Lewandowski, Sulzer und ihre Nachfolger und Nachahmer war, so ignorierten die in den abendländischen Kulturkreis eintretenden jüdischen Musiker die Musikausübung ihres Volkes und ihrer Väter. Man vernachlässigte, man vergaß, man verachtete alles, was noch für eine Generation vorher der, wenn auch enge und ärmliche, musikalische Lebensinhalt gewesen war. II. Aus dieser durch keine Tradition gebundenen Haltung sind die beiden ersten großen jüdischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, die Romantiker Mendelssohn-Bartholdy und Meyerbeer mit zu verstehen. Es ist möglich, daß eine gewisse Tragik des Entwurzeltseins Mendelssohn zur inneren schwermütigen Resignation, Meyerbeer zum äußerlichen „internationalen" Opernbetrieb gedrängt haben; ihnen selbst ist sie aber kaum jemals zum Bewußtsein gekommen. Ihre jüdische Abstammung ist dem eigenen Bewußtsein nach durchaus nicht wesentlich oder gar ausschlaggebend für die letzte Durch- 384