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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 382

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Möglichkeiten eines jüdischen Stils
Date
1935-12-01
Page
382 (sequence 6)
Language
German
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Stefan Kayser: Möglichkeiten eines jüdischen Stils gisches Leben ist nicht eins, in dem man viel mit Menschen zu tun hat, sondern eins, in dem man mit den Menschen, mit denen man zu tun hat, wirklich zu tun hat." Buber hat diesen zentralen Begriff der Zwiesprache nicht aus abstrakten Gedankengängen abgeleitet, seine Wurzel liegt in seiner Grundanschauung vom Verhältnis Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott. Der letzte Sinn dieses Verhältnisses ist Zwiesprache. Wenn der Mosche des Midrasch in der Agada von seinem Tode mit Gott redet und rechtet, sein Beten zum Dialog wird, dann zeigt sich in dieser gewaltigen Handlung aus der zweiten Bibel die Zwiesprache als die eigentliche Form jüdischer Wesenheit. Ein solches Leben in der Zwiesprache vermag den Nährboden für das Wachstum jüdischen Eigenlebens zu bereiten. Und dieser Boden muß gepflügt sein, wenn ihm die Begabungen entwachsen sollen, die einem jüdischen Stil mit der Selbstverständlichkeit echten Könnens entgegenstreben. Die dialogische Eigenart alles Künstlerischen ist bekannt. Ohne die Aufnehmenden keine künstlerische Schöpfung, ohne Werk keine Wirkung. In diesem Dialog kommt es nur darauf an, daß er wirklich geführt wird, daß er sich nicht um ein Schemen abspielt, daß der Anruf nicht nur vernommen, sondern auch erwidert wird. Im Mitteilungsblatt der „Werkleute", des Bundes jüdischer Jugend, hat Leni Westphal in einem Aufsatz über die Rolle der Kunst und der Natur in unserem Leben mit dem Blick auf Bund und Chaluziuth das Eindringen in die Welt der Kunst von dem Wesen der Kunstschöpfungen abhängig gemacht, das sie mit folgenden Worten umschreibt: „Die großen Kunstwerke stehen meist nicht so plötzlich wie einsame Bäume in kahlen Gegenden, sondern wachsen aus einer von Kunstschaffen und -aufnehmen aller Grade erfüllten Atmosphäre heraus. Gerade weil beides dialogische Vorgänge sind, wirken großes und kleines Werk, Schaffen und Aufnehmen, wechselseitig aufeinander. Und wie es im Leben kleine und große Freuden, kleine und große Leistungen gibt, so gibt es im Bereich der Kunst rechtmäßig einfache Freude am Schönen und Erschütterung. Wenn wir das sehen, wird auch das mittelmäßigere Werk, das uns doch eben auch lieb ist, seinen rechtmäßigen Platz bei uns haben." Diese Aufgeschlossenheit einer Chaluza, eines Menschen, der in einer jüdischen Gemeinschaft steht, gegenüber den künstlerischen Gebilden jeder Art und — zunächst — auch jeden Wertes, die nur eine Bedingung erfüllen müssen, nämlich daß sie dieser4 jüdischen Gemeinschaft entwachsen, wünschen wir auch unsern Menschen. Sie bildet die beste Voraussetzung für das Entstehen einer jüdischen Form, für das Sichentfalten eines jüdischen Stils. Daß ein solcher möglich ist, erscheint nach den Beispielen, die 382

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