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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 381

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Möglichkeiten eines jüdischen Stils
Date
1935-12-01
Page
381 (sequence 5)
Language
German
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Möglichkeiten eines jüdischen Stils als die jüdische Volkssprache gebunden war, die Kultur der ägyptischen Diaspora. Die ägyptischen Juden brachten nicht einmal das Sch'ma Jisrael in seiner Ursprache über die Lippen. Sie haften sich der sie umgebenden Kultur so weit angeglichen, daß die verpönte Form des Dramas eine Pflegestätte bei ihnen fand, und sie waren doch, wie wir heute sagen würden, „gute Juden", was allein schon ihr repräsentativer Kopf, Philo, beweist. Ganz ebenso sind bedeutsame Werke jüdischen Geistes, wie der „More Newuchim" des Maimonides oder sein Gegenstück für das deutsche Judentum, Hermann Cohens „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums", nicht in hebräischer Sprache geschrieben. Aber diese Werke haben die eingehende Kenntnis des Jüdischen und seiner Sprache zur Voraussetzung: so sind sie gewissermaßen im jüdischen Bewußtsein verankert. Dieses Bewußtsein, das Gegenwärtige des Jüdischen, alles dessen, was Jüdisches umgreift, die „Jüdischkeit", wie eine zur Verdeutlichung herangezogene Wortfindung lautet, bleibt der Atem, durch den eine jüdische Formwerdung Leben erhalten kann. Die Bildung, die Schaffung eines solchen Bewußtseins ist die erzieherische Aufgabe, die vor uns steht. Deshalb besteht für alle, die den Willen haben, einem Eigenleben jüdischer Art in unsern Reihen den Boden zu bereiten, die Pflicht, sich aufzuschließen für den Aufruf, der an sie durch die Zeit und aus der Zeit ergeht. Noch nie in unserem jüdischen Kulturkreis ist die Bereitschaft der jüdischen Menschen so groß gewesen wie jetzt. Diese Bereitschaft muß gestaltet werden. Wie das einzelne Wort in dem ständig bewegten Reich des Midrasch, wo „Himmelskräfte auf- und niedersteigen und sich die gold'nen Eimer reichen", eine gestaltende Energie bedeutete, so müssen die einzelnen Zusammenhänge des jüdischen Lebens bei unsern Menschen aus der Starrheit des bloß? Begrifflichen gelöst und in den Zusammenhang einer eigenen, lebendigen Welt hinübergeleitet werden. Unsere Geschichte darf sich nicht zerlegen in einzelne Epochen, sondern muß ein Band um uns alle schließen; es muß gelingen, sie im eigentlichen Sinn des Wortes zu „vergegenwärtigen". Das ist nicht eine Aufgabe, die einzelnen pädagogischen Talenten allein überantwortet bleibt. Wir alle können dazu beitragen, indem wir uns gegenseitig wirklich „verstehen" lernen. Das ist ganz einfach, ganz alltäglich gemeint. Wir wollen einander anhören und einander antworten, nicht aneinander vorbeihören und vorbeireden. Wir sind auf unsere Gemeinschaft angewiesen und können die Erziehungsaufgaben, die uns gestellt sind, nur in dieser Gemeinschaft lösen. Für die Verwirklichung dieser Art lebendiger Gemeinschaft hat Martin Buber die Losung der echten Zwiesprache ausgegeben. Wir müssen ein dialogisches Leben, ein Leben aufgeschlossener Zwiesprache führen, um in dieser Zeit bestehen zu können. „Dialo- 381

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