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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 383

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Möglichkeiten eines jüdischen Stils
Date
1935-12-01
Page
383 (sequence 7)
Language
German
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Oskar Guttmann: Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen, als feststehend. Daß er in unserem Umkreis Wirklichkeit wird, hängt davon ab, wie weit wir die Kraft haben, eine wirkliche Gemeinschaft, ein von jüdischen Energien durchdrungenes Leben aufzubauen. Wie jede Erziehung zur Selbständigkeit führt, so muß auch diese jüdische Erziehung unserer Menschen zu deren jüdischem Eigenbewußtsein als der Voraussetzung eines kulturellen Eigenlebens führen. Es braucht seine Zeit; aber wir müssen mit seinen Forderungen beginnen, weil sie an der Zeit sind. Oskar Guttmann: ZUttl NeUaUfbüU dßS jüdischen Musiklebens Eine Umgestaltung, vielleicht sogar eine Neugestaltung des Musiklebens der Juden in Deutschland ist eine dringende Forderung des Tages; eine Prüfung der Gegebenheiten dafür ergibt sich folgerichtig. Um aber für einen Neuaufbau die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, ist erforderlich, die Schöpfungen und das Wirken der jüdischen Menschen, die sich bisher in Deutschland musikalisch betätigt haben, darauf zu prüfen, ob sich bei dieser Musikausübung eine arteigene jüdische Note gezeigt hat, wie diese beschaffen war, und welche Wirkungen von ihr auf die jüdischen Menschen ausgingen. I. Die Musikbetätigung der Juden vor der Emanzipation beschränkte sich auf den engen Kreis ihrer abgesonderten Gemeinschaft, in der sie auch ihre Musiker gehabt haben. Diese Lezzanim oder Klesmorim spielten bei allen Ereignissen des Familien- und des Gemeinschaftslebens eine große Rolle. Ihre Musik war reine Gebrauchs-, Gelegenheits- und Volksmusik und hat sich in ihrer Haltung von der gleichen Musik der Umwelt kaum unterschieden. Von irgendwelchen spezifisch jüdischen Komponisten oder Werken wissen wir nichts. Nicht viel anders war es damals in der synagogalen Musik. Die Juden musizierten da seit Jahrhunderten in der Art ihrer Umwelt und hatten aus deren Musikschatz den größten Teil ihrer Kultmusik herübergenommen. Die sogenannte traditionelle Tempelmusik hatte im Laufe der Diaspora ihr nationales Gepräge verleugnet und jeden Zusammenhang mit der altjüdischen Musik verloren. Was man als jüdisch empfand, war und ist eine altertümliche Form, hier vor allem die mittelalterliche der Kirchen- 383

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