Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Möglichkeiten eines jüdischen Stils
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 380 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Stefan Kayser Reichtum an Tiefsinn und Weisheit, an Erkenntnis und Beispiel, an praktischer Vernunft im besten Sinne außerhalb unserer Fragestellung bleibt. Diese Form des Midrasch erhält ihre Sonderart durch das Eigenleben des einzelnen Wortes. Auf seine Beweiskraft als geistige Energie, auf seine Beweiskraft durch sich selbst kommt es an. Wenn aus den verschiedenen Stellen des Tnach immer wieder das gleiche Wort von allen Seiten herbeigetragen wird, so kümmert sich diese Zusammenstellung weder um den Satz noch um den Satzbau, aus dem das Wort jeweils entnommen ist, noch fragt die Agada danach, wie es sich vor der zeitlichen Abfolge des biblischen Geschehens rechtfertigen läßt, daß der Mosche des Midrasch beispielsweise ein Wort aus dem Koheleth spricht. Das Grundstreben des midraschischen Aufbaus ist wesentlich an das Wort gebunden, deshalb kann auch keine Übersetzung, und sei sie noch so sehr bestrebt, nicht nur den Sprachsinn, sondern auch das Sprachkleid zu übertragen, diese Methode der Wortverbindung, der Wortliebe, der jüdischen „Philologie", wiedergeben. Daß sich in dieser Form, die ja nicht nur eine Form des Denkens, sondern des Erzählens, ja, richtig gesehen des Dichtens ist — man denke an Bialiks Wort von der schöpferischen Eigenart des Agadischen — ein gestaltetes und gestaltendes Eigenleben ausspricht, ist unverkennbar. Wir nannten es eigenständig, wenn wir uns dabei auch bewußt sind, daß Anregungen zu dieser Form aus dem geistigen Leben der Zeit um die große Geschichtswende der Antike, aus den Methoden der antiken Philosophenschulen abgeleitet werden könnten, — eine Aufgabe, die unserer Geschichtsschreibung noch vorbehalten blieb, und aus der möglicherweise Wesentliches für die Erkenntnis des Judentums als einer Sonderart antiker Lebensform hervorgehen würde. Die Eigenständigkeit würde durch die Aufzeigung eines solchen Zusammenhangs jedoch kaum ernstlich in Frage gestellt werden. Was aber gewinnen wir aus der Betrachtung dieser Stilart jüdischen Lebens? Daß sie sehr weit zu den formenden Kräften des Judentums hinführt, dürfte außer Frage stehen. Ihre Bindung an die Sprache, ihr Wesen als Sprache scheint es uns unmöglich zu machen, außerhalb dieses Sprachgebiets zu einer gleichwertigen jüdischen Stilschöpfung zu gelangen. Wenn aber die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind und in der wir uns über die Aufgaben unseres geistigen Lebens verständigen, überhaupt verlassen werden muß, um zu einem jüdischen Stil zu gelangen, so erscheint jede weitere Prüfung seiner Möglichkeiten für unseren Umkreis als müßig. Hier ist es angebracht, darauf hinzuweisen, daß die Antike eine Formgebung jüdischen Lebens kannte, die weder an das Hebräische als die jüdische Hochsprache noch an das Aramäische 380