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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 379

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Möglichkeiten eines jüdischen Stils
Date
1935-12-01
Page
379 (sequence 3)
Language
German
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Möglichkeiten eines jüdischen Stils wir uns den hinreißenden Atem der prophetischen Reden vergegenwärtigen, die kunstvolle Gliederung des Hohen Liedes, die nach bestimmten Vortragsprinzipien komponierten, d.h. auf Gesang und Gegengesang aufgebauten Psalmen vor Augen stellen in der ganzen formenden Kraft dieser durch die Jahrtausende reichenden Wortwirkungen, dann erkennen wir, daß die Schrift, der Text allein uns kein Bild von der Gesamt form biblischer Prägung gewinnen läßt. Aber woher können wir uns einen Eindruck von dieser zeitlich weit entrückten Gesamtform machen, von diesem Gesamtkunstwerk, aus dem sich kein Teil lösen läßt, wenn es als Kunst gebilde gesehen und verstanden werden will? Es ergeht uns dabei ähnlich wie mit der Gewinnung eines Einblicks in die Art der altjüdischen Architektur, der bildenden Kunst der israelitischen Antike. Gewiß hat die Archäologie in den letzten Jahrzehnten manches wertvolle Zeugnis dafür zutage gefördert, aber überliefert blieb uns nur der Grundriß, der Plan der Tempelanlage als einziges zusammenhängendes Beweisstück. So ist es mit der altjüdischen Musik. Der Text läßt uns ihre Rhythmik ahnen, zuweilen auch ihren Aufbau nach strophischer Ordnung und chorischer Einteilung, und wir wissen auch mit einiger Bestimmtheit, wie weit ihre phonetischen Möglichkeiten gingen. Aber ihren Klang können wir nicht mehr erneuern, und das bedeutet, daß wir ihren Stil, ihr formendes Prinzip nicht mehr zu erkennen vermögen, so wenig wir uns eine von den bildlichen Resten der vorderorientalischen Archäologie außerhalb Palästinas unabhängige Vorstellung von den architektonischen und verwandten Bildungen des biblischen Zeitalters machen können. Aber bedeutet diese Möglichkeit eines Einblicks in die wesentlichen Formkräfte des antiken Judentums eine Resignation gegenüber der jüdischen Stilerkenntnis überhaupt? Wir glauben, daß es eine Möglichkeit gibt, im Zusammenhang mit der Bibel, bzw. auf dieser aufbauend, eine jüdische Stilprägung nachzuweisen, die durch ihre Eigenständigkeit und fortwirkende Kraft den Anspruch erhebt, als Kulturleistung angesprochen zu werden. Diese eigene Welt ist der agadische Midrasch, das, was Martin Buber die Zweite Bibel nennt. Während die Bibel einem staatlichen, kulturellen, volklichen Leben entstammt, und, was im Grunde dasselbe bedeutet, ihm das Gepräge verlieh, so entwuchs die Konzeption der midraschischen Welt der überräumlichen Existenz jener Träger des jüdischen Geistes, die dem Leben in der Galut die Ausrichtung nach der mündlichen Überlieferung gaben. Chaim Nachman Bialik hat die Agada als die klassische Schöpfung unseres Volksgeistes gekennzeichnet und damit zum Ausdruck gebracht, daß sie alles andere ist als ein zufälliges literarisches Erzeugnis; deshalb dürfen wir in der Tat in ihr eine Form jüdischer Prägung erkennen, wobei die inhaltliche Fülle dieser Welt, ihr 379

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