Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Möglichkeiten eines jüdischen Stils
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 378 (sequence 2)
- Language
- German
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Stefan Kayser soziologischen Bedingungen verstanden werden kann. Zu einem wesentlichen Baustein dieser Welt gehört die Vertrautheit mit der jüdischen Überlieferung von allerfrühester Jugend an. Was auch immer an religiösen und geistigen Verschiedenheiten im Ostjudentum festgestellt werden mag — die Gegensätze haben zuweilen zu schärfsten Kämpfen geführt —, die einheitliche Bedingung ist geblieben. Selbst dort, wo das Ostjudentum in einer der größten Völkerwanderungen der Neuzeit die jüdische Massierung von New York geschaffen hat, ist die gemeinsame Grundlage noch völlig intakt. Das oberste Kennzeichen des ostjüdischen Stils ist nicht nur das Gebundensein an die Sprache; denn das Jiddische ist mehr als nur eine Sprache, als nur ein Verständigungsmittel, als alltägtiche oder literarische Form der Mitteilung. Es ist Melodie, Rhythmus, Klang, es ist Komposition im weitesten Sinn, am besten in seiner Eigenständigkeit gekennzeichnet durch den ostjüdischen Humor, der in der Mischung seiner verschiedenen Elemente etwas Einmaliges darstellt und in seiner ironisch-melancholischen Grundfarbe unübertragbar erscheint Wenn in dieser Welt eine künstlerische Äußerung Gestalt gewinnt, so hat sie es nicht erst nötig, sich durch irgendwelche Sicherungen jüdisch zu verankern; sie trägt die echte, nicht von außen aufgemalte Farbe von vornherein. Sie hat Stil, — womit noch nicht gesagt ist, daß sie dadurch allein auch schon Wert hat. Zur Gewinnung eines jüdischen Stils, der für uns Gültigkeit erlangen könnte, an die ostjüdische Form anzuknüpfen, erscheint uns aus vielen Gründen unmöglich; nicht zuletzt deshalb, weil geschichtlich gesehen das Ostjudentum aus dem deutsch-jüdischen Umkreis vor Jahrhunderten herauswuchs. Es hieße, auf eine frühere historische Stufe unseres kulturellen Lebens zurückgehen, wenn wir heute an das Ostjüdische anknüpfen wollten. Das wäre geradezu der Versuch, aus musealen Beständen neues Leben zu gewinnen — eine Verirrung ins Abgelebte. Bleibt so auch eine Übertragung des ostjüdischen Stils unmöglich, so erkennen wir doch an seinem Beispiel, daß eine jüdische Form wachsen kann. Aber ist es möglich, nicht nur eine jüdische Formgebung, sondern die jüdische Form, den jüdischen Stil zu finden? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir auf die Grundlagen unseres jüdischen Seins zurückgehen, die in unserem Schrifttum beschlossen liegen. Schon daß wir dabei von der „Schrift" sprechen, vom Niedergeschriebenen dessen, was eigentlich Lehre heißt, also unmittelbares Leben, lebendige Aufgabe, erscheint charakteristisch. Denn die Schrift allein, das Geschriebene kann nicht die ganze Form unseres zentralen Schrifttums sein, bzw. gewesen sein. Schon das Fünfbuch enthält bedeutsame Partien, die nicht an das Wort der Niederschrift allein gebunden sind, die sich vielmehr in gewaltige Steigerungen des tönenden Ausdrucks erheben. Und wenn 378