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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 377

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Möglichkeiten eines jüdischen Stils
Date
1935-12-01
Page
377 (sequence 1)
Language
German
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DER MORGEN / MONATSSCHRIFT DER DEUTSCHEN JUDEN BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN. DARMSTADT 11. JAHRGANG DEZEMBER 1935 HEFT 9 Stefan Kayser: Möglichkeiten eines judischen Stils Der Jude in Deutschland steht vor der Notwendigkeit, seinem kulturellen Eigenleben Gestalt zu geben. Diese Aufgabe ist ihm von außen gestellt, aber sie verlangt eine Lösung von innen her, wenn daraus ein wirkliches eigenes Leben werden soll. Es genügt nicht, eine künstlerische Äußerung (im weitesten Sinn) durch die Wahl des Inhalts an das Jüdische anzuschließen, etwa durch einen biblischen Stoff oder einen der Überlieferung entnommenen Namen. Zwar erscheint es verständlich, daß in der ersten Zeit unserer Neuorientierung kein anderer Weg als der einer solchen inhaltlichen Angleichung blieb. Aber den Aufbau eines kulturellen Eigenlebens kann eine derartige Mimikry des Inhalts unmöglich sichern. Er muß entscheidend von der Form ausgehen, die für künstlerische Bildungen jeder Art entscheidend ist. Wir müssen also nach den Möglichkeiten eines jüdischen Stils, einer unserer Eigenart entsprechenden Formgesamtheit suchen. Gewiß kann ein Stil nicht rationell geschaffen werden; ein Stil wächst. Aber die Besinnung auf die Aussichten und Möglichkeiten eines solchen Wachstums erscheinen zu einer Zeit nicht müßig, in der das Erbe unseres kulturellen Erdreichs mit unverkennbarer Emsigkeit um- und umgegraben wird. Zwar ist der Boden schmal, auf dem wir uns dabei bewegen, und die meisten von uns vermögen den Spaten in diesem Bezirk nur mühsam zu gebrauchen; aber die Ehrlichkeit der Bemühung ist ein gutes Zeichen, und die Energien, die auf diese Wiedergewinnung (zuweilen auch auf die Neugewinnung) des überlieferten Gutes verwendet werden, gilt es zu nützen, zumindest in eine Richtung zu lenken, in der ein Aufbau möglich ist. Bei unserer Frage, ob und wo jüdischer Stil überhaupt schon einmal Wirklichkeit war, bietet sich als Beweismittel zunächst die ostjüdische Welt dar. Daß es sich hier um einen echten Stil handelt, geht aus der Geschlossenheit dieser Welt hervor, die bei all ihrer inneren Vielfältigkeit doch aus der Einheitlichkeit ihrer 377

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