Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Die Kirche aus Juden und Heiden [Rezension]
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 368 (sequence 2)
- Language
- German
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terscheidet, kommt er zu dem Schluß, daß die Erwählung-, das Gnadengeheimnis Gottes, zwar unwiderruflich ist, aber pneumatisch, nicht fleischlich, eschatologisch, nicht weltzeitlich verstanden werden muß. Gott hat das „wahre Israel" erwählt. In jedem Fall aber bleibt die Freiheit Gottes in seiner Erwählung gewahrt, sowohl der Synagoge wie der Kirche gegenüber, und es ist das tiefste Geheimnis dieser vollen göttlichen Freiheit, daß sie sich letztlich nur in den beiden Akten derErbarmungundVerwerfung zusammen manifestiert. „Gott erbarmt sich wessen er will, und er verhärtet, wen er will" (IX, 18). In diesem Mysterium gründet das Mysterium der Kirche aus Juden und Heiden. — Die scheinbare Verwerfung Israels durch sein „Straucheln" ist temporär und hat den Sinn, den sich zu Christus bekehrenden Heiden das „Heil" zu bringen. So sehr ist nach Paulus Israel der Erwählte Gottes, daß noch sein Straucheln dem Kosmos zum Segen gereicht, und seine Verwerfung wird nur währen, „bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist". Seine „Wiederannahme" aber wird die „Totenbelebung" bringen. Damit drückt Paulus den Höhepunkt der heilsgeschichtlichen Bedeutung Israels in den Augen der Kirche aus, das erhabene Geheimnis dieses Volkes, das das Mysterium des göttlichen Erbarmens sich zum Transparent erwählt hat Die Kirche glaubt, daß die Erlösung, die für die Welt mit Christus bloß im Schleier des Mysteriums anbrach, erst am Ende der Zeiten, da die Toten auferstehen, in ihrer ganzen Fülle offenbar werden wird und daß diese Offenbarung des vollen Glorienreichtums Gottes, das Reich, von dem Franz Rosenzweig sagt, daß es „immer im Kommen" ist und das für die Kirche nun aber kein irdisches, sondern ein Reich der Verklärung und nur als solches letzte Gebetssehnsucht ist, einzig an die göttliche Wiederannahme Israels gebunden sei; so daß also die notwendige Entsprechung zu dieser letzten Steigerung göttlicher Gnadenveranstaltung die Unwiderruflichkeit der ersten Erwählung Israels darstellt. An den Hinweis auf diese im Sinne der Kirche unüberbietbar glorreiche Funktion Israels im göttlichen Heilsplan knüpft Paulus in einem Gleichnis, das die Juden als den edlen Ölbaum schildert, in den die sich zu Christus bekehrenden, vom wilden Ölbaum stammenden Heiden bloß eingepfropft werden, die Mahnung an die Heidenchristen, sich nicht den Juden gegenüber zu überheben, da nicht sie die Wurzel (Abraham und die Väter) tragen, sondern umgekehrt die Wurzel sie trägt, — eine Stelle, die Peterson folgendermaßen interpretiert: „Der Heide, der den Glauben verliert, ist gar nichts mehr. Der Jude, der nicht an Christus glaubt, gehört doch immerhin noch zu dem edlen Ölbaum Gottes. Die Worte des hl. Paulus erfahren eine furchtbare Bestätigung in1 der Gegenwart. Die christlichen Völker, die ihren Glauben verlieren, verfallen in der Tat in einem Maße der Verwilderung und der Substanzlosigkeit, wie sie den Juden unzugänglich ist" (S. 62). Ihren letzten Nachdruck erfährt diese Warnung des Paulus durch die wiederholende und ergänzende Erklärung, daß Gott „alle (d. h. Heiden 368