Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Die Kirche aus Juden und Heiden [Rezension]
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 367 (sequence 1)
- Language
- German
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„Die Kirche aus Juden und Heiden' Erik Peterson, der bedeutendste deutsche katholische Theologe der Gegenwart, hat in einer kleinen Schrift, dem Niederschlag dreier 1932 gehaltener Vorlesungen über die Kapitel 9 bis 11 des paulinischen Römerbriefes, unter Entwicklung patristischen Gedankenguts das — katholisch gesehen — Wesentlichste zu dem Problem des Verhältnissses von Judentum und Christentum, von Synagoge und Kirche gesagt. Diese allgemeinverständliche Schrift Petersons: „Die Kirche aus Juden und Heiden" setzt die theologische Prämisse alles politischen Geschehens in das Mysterium der Kirche — einer Kirche aus Juden und Heiden. Um uns kurz mit ihrem Inhalt bekannt zu machen, ist es unerläßlich, die christliche Grundposition einfühlend mitzuvollziehen, für die Judentum und Christentum kein von einander ablösbares historisches Nacheinander, sondern ein theologisches Problem sind. Der Christ liest das Alte Testament im Lichte des Neuen, nur vom Standort des Neuen Testamentes gewinnt das Alte Sinn und Erfüllung, so daß er, gäbe es keine Juden, die Zweiheit der Testamente in gewissem Sinne leugnen könnte. Von hier aus wird die Problematik des Paulus, für den ja das Verhältnis der Synagoge zur Kirche tief persönliche Bedeutung hat, verständlich. Die paulinische Frage lautet: Warum wurde die Kirche der Synagoge vorgezogen? Ist Israel wirklich verworfen worden? Peterson zeigt, daß die Beantwortung dieser Frage für Paulus möglich wird durch die grundsätzliche Herausarbeitung des Unterschiedes von natürlicher und pneumatischer Ordnung. Diese Unterscheidung ist ihm im Offenbarungs- und Verheißungscharakter des Alten Testaments angelegt. Das Ziel des Paulus (und der Patristik) ist es, diesen pneumatischen Offenbarungs- und Verheißungscharakter in seiner eschatologischen Konkretheit als den schlechthin gültigen, als die Wahrheit sichtbar zu machen unter restloser Entwertung der „fleischlichen" Sphäre, in deren Gebundenheit er „historisch" aufgetreten sein mag. So werden Personen und Ereignisse des Alten Testaments, in denen sich eine offenbarende, berufende Tätigkeit Gottes dokumentiert, notwendigerweise als gleichberechtigtes Eigentum der Kirche reklamiert: außer dem in fleischlicher Einmaligkeit existierenden Israel gibt es nun das „wahre" Israel, die Kirche; Abraham, Isaak und Jakob sind die Väter der Kirche, denn nicht fleischliches Abkommen entscheidet über Sohnschaft, sondern die Geburt aus dem Geiste, dem Glauben. Deshalb gehören auch nicht alle, die dem Fleische nach aus Israel stammen, zu Israel, und deshalb können umgekehrt auch die zu Israel gehören, die dem Leibe nach keine Israeliten sind: die Heidenchristen. Isaak als der Zweitgeborene Abrahams, der Sohn der Verheißung, wird zum Prototyp der Ekklesia. Wie aber steht es dann um die „Erwählung Israels" durch Gott? — Da Paulus grundsätzlich immer zwischen dem fleischlichen Israel (dem natürlichen Israel der Synagoge) und dem geistigen, wahren Israel (dem pneumatischen Israel der Kirche) un- 367