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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 363

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Jugendbriefe von Jacob Bernays
Date
1935-11-01
Page
363 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Jugendbriefe von Jacob Bernays chen Lebens im Bereich jüdischer Sitte hinein führt uns jetzt der Entwurf eines Briefes an eine nichtjüdische Freundin, der sich im Bonner Nachlaß gefunden hat. Dort bekämpft er den Einwurf der Freundin, daß die jüdischen Sitten ihn allerhand Unbequemlichkeiten aussetzten, mit dem Hinweis darauf, daß er von Jugend auf darangewöhnt sei und von Natur wenig Neigung zum Brechen der Überlieferung habe. Gerade dies ist sehr bezeichnend für seine eigene, doch eigentlich unorthodoxe Stellung zu diesen altgeheiligten Gebräuchen. Hier weht die Lebensluft, die er von Kind an zu atmen gewöhnt war, und in der er seine Kräfte entfalten konnte — verläßt man wohl dies heimatliche Klima, um ein anderes, unbekanntes aufzusuchen? — Nicht, wenn man Jacob Bernays heißt. Zugleich kommt seine Ehrfurcht vor dem Vätererbe zum Ausdruck, die ihm auch jede Bibelkritik wenn nicht verbot — schon Rabbi Mose ben Maimon hatte ja Bibelkritik geübt — so doch immer höchst verdächtig erscheinen ließ. Gleichzeitig aber erwähnt er schon in den Briefen an Nicolas Berend wie auch in jenem Briefentwurf an die Unbekannte, daß er „in Bezug auf die Juden völlig als Anachoret lebe". Hier ist der Riß, der durch sein jüdisches Leben geht. Zur Aufhellung dieser Dunkelheit — denn es ist eine Dunkelheit! — führt vielleicht eine vielsagende Bemerkung aus seinem Notizbuch: „Unter den jetzigen Juden ist aus Mangel des politischen Sinns das Familiengefühl so heftig geworden, daß es bei den gewöhnlichen Menschen jede individuelle Selbständigkeit, also jede wahre Persönlichkeit erstickt, die Stärkeren aber zwingt, sich mehr als unter normalen Verhältnissen billig wäre, von der Familie los zu machen....." Diese Worte liefern uns vielleicht den Schlüssel zu Bemays' eigenem, so oft kritisiertem Verhalten gegen seine jüdische Umwelt. Was der an sich schon vielfach gehemmten Entfaltung seiner „individuellen Selbständigkeit" widerstrebte, mußte er scharf, wie in Notwehr zurückweisen. Er konnte und mochte diese Zurückweisung bei seinen nächsten Familienmitgliedern nicht durchführen, weil sie entweder wie sein Vater — „die Seele seiner Seele" — seine Entwicklung förderten oder, wie seine jüngeren Geschwister, nach dem Tode des Vaters von ihm abhingen; hat er doch selbst seine jüngste Schwester zu sich genommen und den jüngeren Bruder Michael, als er in Bonn studierte, nach Möglichkeit „und Bruderpflicht" beraten. Aber dann begann bei ihm die Selbstwehr — die vielleicht gerade deshalb so scharf und verletzend sein mußte, weil sein weiches Herz und seine kindlich aufgeschlossene Natur dem Zudrang der allzu vielen „Chawerim" sonst nicht standgehalten hätte. 363

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