Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Jugendbriefe von Jacob Bernays
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 364 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauss: Jugendbriefe von Jacob Bernays Hermann Cohens scharf es Urteil über den trotz alldem verehrten Lehrer, der allerdings an dem kecken Schüler eine dauernde „Unfreude" gehabt hatte, besteht nur zur Hälfte zu Recht. Wohl war Bernays — ebensowenig wie etwa Moses Mendelssohn und in scharfem Gegensatz zu Cohen selbst — nicht zum Kämpfer geboren. Aber seine Antwort an Christian v. Bunsen, der ihn in der edelsten Absicht zum Glaubenswechsel überreden wollte, zeigt, daß er keineswegs zurückwich, wenn es galt, für seinen Glauben Zeugnis abzulegen. Der Riß in Bernays' jüdischer Haltung aber, von dem wir oben sprachen, erklärt sich auf zwiefache Weise: da ist einmal die besondere Weichheit und Verletzlichkeit dieses Mannes, die er durch doppelten Eispanzer schützen zu müssen glaubte. Aber der zweite und schwererwiegende Grund liegt in der Judentums-Auffassung seiner Zeit und vielleicht im besonderen seiner Familientradition. Schon der von ihm über alles verehrte Vater, der Chacham Bernays, vertritt die selbstsichere Meinung, die auch in Bernays' Tagebüchern manchmal unverhüllten Ausdruck findet, daß — im Gegensatz zu den „missions"freudigen Reformern des Judentums der Zeit — die Aufgabe des Juden nicht sei, seinen Glauben unter den Völkern zu verbreiten. Seine endliche Emanzipation und Erlösung vom Joche des Vorurteils hat der Jude nicht von der „,pochenden Stimme" zu erwarten, die sich auf die „Menschenrechte" beruft, wie es das „bodenlose Judentum von heute" tue, sondern nur von Gottes unmittelbarem Eingreifen in den Naturgang der Geschichte. Denn das jüdische Volk steht für Jacob Bernays vom Anfang seines Bestehens an „außerhalb und sogar im Gegensatz geschichtlicher Volksentwicklung". Auf dem Boden dieser jedes Eintreten des Einzelnen ausschaltenden Lebens- und Judentums-Auffassung erwächst Jacob Bernays' Zurückhaltung, die ihm Cohen zum Vorwurf macht. Auf demselben Boden aber auch erwächst seine unwandelbare Sicherheit und Beglücktheit in seinem von den Vätern ererbten und treu bewahrten Glaubensgute. „Ein an der Hand Gottes durchschrittenes Jugend- und Mannesleben", heißt es einmal in seinen „Posthumen Aphorismen" — ob er dabei wohl an sich selbst dachte? Es gibt kaum etwas Bezeichnenderes für die Gottesgewißheit, die allein in ihm jene hilaritas erzeugte, um die seine Freunde ihn beneideten, als jene Worte, die, wie wir oben sahen, Jacob Bernays am Schlüsse eines düsteren Rückblicks auf die Wirren der Zeitgeschichte schreibt: „. . und wenn ich kein Jude wäre, würde ich traurig sein." 364