Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Jugendbriefe von Jacob Bernays
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 362 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauss hätte ich es ihnen dock nicht nachgetan, und Franziska darf mich bei Leibe nicht für einen Weltschmerzianer halten, der mit einsiedlerischen Vorhaben umgehe. Vielmehr würde ich zu der ergebungsvollen Stimmung, die ich jetzt nach allerlei Kämpfen erreicht habe, viel früher und leichter gelangt sein, wenn ich einen Freund (allerdings noch immer keine Freundin) leibhaft um mich gehabt und ihn hätte herzen können, den ich jetzt, weil er meilenweit entfernt, nur in der Phantasie genießen kann. Jacob Bernays' Entdeckungen auf dem Gebiete der klassischen Philologie spielen in diesen Briefen an einen Mediziner naturgemäß nur eine etwas schattenhafte Rolle. Aber seine innere und äußere Stellung zu Juden und Judentum kommt vielleicht nirgends in den bisher von Bernays bekannten Aufzeichnungen so deutlich zum Ausdruck wie in diesen Briefen. Gewiß — auch hier finden sich keine Programmreden, kein bekennerisches Pathos, wie es auch schlecht zu Bernays' stiller Art und zu dem Charakter des Familienbriefs gepaßt hätte. (Immerhin sehen etwa die Familienbriefe Hermann Cohens anders aus.) Aber die merkwürdige Doppelstellung des Mannes zwischen größter geistiger Kühnheit, ja spottlustiger Verwegenheit — als seine Lieblingslektüre galt bei Freunden tund Schülern Voltaire, und auch dem Freunde empfiehlt er in diesen Briefen den „Candide" — und einem kindlich-zuversichtlichen Leben zwischen den „vier Ellen" der treulich bewahrten jüdischen Sitte trat uns bisher wohl niemals so lebendig vor Augen wie hier. „Alle Tage seines Lebens" werden, ohne Frage und scheinbar auch ohne Zweifel, von diesem strengen Wort bestimmt, das ihm freilich leichte Last nur aufzubürden scheint. Es ist die Lebensluft, in der er atmet. Bittet der Freund um einen Glückwunsch zum Geburtstag, so wehrt er sich mit der Begründung: „Wir ,frommen Juden* wissen eigentlich nichts von einer solchen Feier, was wohl seinen guten Grund haben mag, so wie ein Rabbiner vielleicht nicht unpassend darüber predigen kann, daß in der ganzen Bibel nur ein Geburtstag erwähnt wird, der des — Pharao." Aber die „Termine" des Juden stellt er ein andermal richtig: ein Jude kann sich nicht an andere Termine binden als an jene, die „er ohnedies haben muß", er muß wissen, „wann Schabbath ist und wann man kein Tachanun sagt." Mit gleicher Selbstverständlichkeit versteht es sich, daß Bernays, wenn er gezwungen ist, Pessach in Bonn zu bleiben, sich sogar seinen Kaffee selbst kochen muß, was er als „Spielerei" nicht ungern auf sich nimmt, wenn ihm dafür die in seiner Heimat Hamburg sonst für Pessach fälligen Besuche erspart bleiben. (Allerdings finden sich in den späteren Jahren auch ab und zu Klagen über die „Kleinlichkeit" solcher Feiertage in der Fremde.) Der aus dem üblichen jüdischen Sabbatbrief bekannte Schluß „es ist gleich Zeit zum Schulengehn" findet sich auch in den Briefen des Philologen, wenn auch eigentlich nach dem Urteil eines Freundes „jeder klassische Philologe ein halber Heide sein muß". Tiefer in die Gründe sol- 362