Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Jugendbriefe von Jacob Bernays
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 361 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Jugendbriefe von Jacob Bernays eklen Schimmel der Schaalheit, Fadheit, Unbedeutendheit, Gleichgültigkeit überzieht, und gegen deren gefährliche Wirkung meine angeborene hilaritas schwer wird aufkommen können. Ich fühle nur zu sehr im Denken, Sprechen und Tun, daß die lebendige Spannkraft von mir gewichen ist, daß mir die Seele meiner Seele entfahren ist. Ich habe über den Tod meines Vaters noch nicht reden können, und schreiben darüber kann und will ich nicht. — Gottes Gerichte ziehen gewaltiglich durch die Welt und zunächst durch unser Europa, welches dritthalbtausend Jahre Geschickte schon lange bis zur Todesmüdigkeit abgehetzt haben. Die abgründliche Tiefe dieser Gerichte ahnend zu erfassen, der kleinen Menschen tolles Gebahren darin anzuschauen, und die elementarische Gewalt der auf einander platzenden Gegensätze an sich vorüberbrausen zu lassen, das ist das einzige, was einem, der in seinem Kämmerlein sitzt, übrig bleibt, zugleich aber volle Befriedigung der anschauenden, wenn auch nicht der gestaltenden Geisteskräfte gewähren muß. . . Einliegend ein Aufsatz von mir, der im nächsten Heft des Rheinischen Museums erscheint, an dessen Redaktion ich jetzt feil nehme. Lies ihn einmal von Anfang bis Ende durch, wenn auch nur fürs Erste mit den Augen, auch die Noten, in denen Du trotz des philologischen Putzes vielleicht doch einzelnes Dich Ansprechende findest. Seltsam, daß ich mich um die Zeit, da mein Vater starb, grade mit dieser Lehre, der tiefsten^ welche das Heidentum über Leben und Tod aufstellte, beschäftigen mußte1). Eine Erleichterung des Herzens durch Aussprechen oder Ausschreiben, wie F. es wohlmeinend veranlassen wollte, widerstreitet meiner Art, und ich bin sicher, daß er mir dieses Aussprechen, welches mir auch die wenige errungene Fassung wieder für Wochen erschüttern würde, gern erläßt. . . In den nächsten Jahren werden die Briefe an den Freund seltener. Lange dauert bei aller Versenkung in die eigenen Arbeiten jene „dumpfe, unfreudige Stimmung" an, die dem bitteren Schmerz um den Verlust des Vaters folgte; verdüstert auch durch die Zeit der Reaktion, die nach den „krampfhaften Zuckungen" des Jahres 1848 eintrat. Erst nach Ablauf des nächsten Jahres hören wir wieder hellere Töne von dem Manne, der sonst die hilaritas, die Heiterkeit als sein Lebenselement bezeichnet hatte. Ein Freund ist ihm erwachsen, der ihn von nun an durch sein Leben begleiten wird und dessen beglückender Frohsinn auch den schwerblütigen Gefährten aufhellt: es ist Paul Heyse, der junge Dichter (Bonn, 25. Dezember 1850): Ich begreife jetzt sehr wohl, wie die ersten Anachoreten, wenn es gemütvolle und denkende Männer waren, aus ihrer abfaulenden Zeit hinaus sich in die Wüste retten konnten. Aber, obwohl ich sie begreife, so *) Es ist die Lehre des Heraklit gemeint, von der jener Aufsatz handelt. 361