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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 360

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Jugendbriefe von Jacob Bernays
Date
1935-11-01
Page
360 (sequence 7)
Language
German
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Bertha Badt-Strauss geschichte als ein scharfer und klarer Beobachter hin. Durchaus nicht berauscht von den neuen Errungenschaften; im Gegenteil — auch hier wieder zeigt es sich einmal an einem hervorragenden Beispiele, daß der Jude, wenn er selbst fest auf dem Boden der Tradition steht, viel mehr geneigt ist, das Bestehende zu wahren als neue politische Wege zu suchen (Bonn, 6. April 1849): Von der Weltlage zu schreiben will einem schwer zusagen. Wer das vorige Jahr durchgelebt hat mit offnen Augen und in der Jugend, die den Ernst nicht ausschließt, ist gleichsam wie einer der in der Höhle des Tryphonius sich aufgehalten, von dem die Mythologen sagen, daß er dann nicht wieder lachen konnte. Die Schwäche, die innerlich ausgehöhlte Unfestigkeit, welche alle europäischen Zustände enthüllt haben und in immer schauerlicherer Steigerung von Tag zuTag mehr enthüllen, macht das Leben der Staaten wie der Einzelnen mehr als je zum Schatten eines Traumes. Die revolutionäre Unruhe ist eine Trunkenheit, die wankend taumelt, weil sie Kraft zu stehen oder im Gleichgewicht zu gehen nicht in sich finden kann, und was sich von Conservatismus zeigt, ist auch nur gliederlahmes Sichhinstrecken, weil man ebenfalls zu schwach ist, fest zu stehen oder zu gehen. Wem da die viehische Sorglosigkeit nicht gegeben, daß er rufen könnte „laßt uns essen und trinken, denn morgen sterben wir", der kann nicht anders als ernst werden, und wenn ich kein Jude wäre, so würde ich traurig sein. Gleichzeitig aber erkennt er klar, welch geringen Einfluß „die von den Einsichtigen als die wahren erkannten Gedanken" auf das wirkliche Leben der Menge haben, und schaudert zurück. In solchen Stunden erwacht bei ihm jenes Gefühl der Befreiung darüber, „daß die Juden außerhalb der Geschichte ständen", dem er später in seinem Tagebuch einmal Ausdruck gibt. Nun scheint der Weg zu einem geregelten bürgerlichen Leben offen zu stehen: die Hörerzahl wächst, das Sprechen macht Bernays keine Schwierigkeiten. Aber „wenn das Haus gebaut ist, dann kommt — der Tod" heißt es im altjüdischen Sprichwort. Am 1. Mai 1849 starb der Vater, der Chacham Isaak Bernays in Hamburg, 57 Jahre alt — im gleichen Alter, in dem auch sein Sohn dereinst sterben sollte. Und es ist, als habe der Finger des Todes den jungen Menschen damals schon angerührt. Einige Wochen nach diesem Verlust erst schreibt er dem Freunde (Bonn, 20. Juni 1849): Eben, lieber Nicolas, da ich so sitze und mir in brütendem Sinnen allerhand Großes und Kleines aus Vergangenheit und Gegenwart durch das Hirn fährt, überfällt es mich, daß ich Dir noch immer nicht geschrieben habe und Dich das irgendwie irren könnte. Eigentliche Antwort hast Du wohl nicht auf Deinen Brief erwartet, aber irgendein Lebens- oder Vcgetierungszeichen, und dies will ich Dir hiermit geben. — Deine treuen, innigen Worte haben mich zur Zeit erquickt und beschäftigt. In Toben und Maaßlosigkeit hat mein Schmerz auch in den ersten Augenblicken sich nicht Ausweg gesucht, dagegen ist eine unfreudige Stimmung nach innen geschlagen, die mir noch jetzt, und wohl auch noch lange, Alles mit einem 360

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