Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Jugendbriefe von Jacob Bernays
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 359 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jugendbriefe von Jacob Bernays zu sein scheint". Diese Befürchtungen meldet dem Freunde ein Brief aus Hamburg (27. April), wohin er über Pessach zum Be-. suche seiner Eltern gefahren war. Klar und groß zeichnet sich ihm hier wieder das Bild seines Vaters ab: Meinen Vater habe ich durch die Zeitereignisse in demselben Grade erfrischt und angeregt gefunden als seine hamburgische Umgebung durch dieselben in dumpfes maulaufsperrendes Staunen versenkt worden, und mit ihm allein kann man die letzten Gründe und — so weit das ohne heidnischen Weissagedunst oder jüdische Prophetengabe möglich ist — auch die letzten Folgen der Bewegung besprechen. Alle Andern, von den an ihrem geistigen Kapital bankerott gewordenen weiland Gelehrten bis zu den von Anfang alles Capitals entblößten Schwindlern, alle diese Papierleute, beider Gattungen, so viel ich ihrer bis jetzt gesprochen — und das waren nicht wenige — sie machen alle ein Gesicht wie die Katze, wenn es donnert. Sich immer von solchen unerquicklichen Gesichtsbildungen umgeben zu sehen, die in ihrer Eintönigkeit nicht einmal Gelegenheit zum Studium bieten, das muß — wie Du Dir denken kannst — auch die gefaßteste Stimmung aus ihrem Gleichmut bringen. Dazu nun der Gang der Ereignisse, die allenthalben außer in Frankreich einherholpern wie ein Reichspostwagen auf höckerigen Straßen! Bernays ging damals nach Berlin, um dem „breiigen" Hamburg zu entfliehen und um den Ereignissen, die seine ganze Teilnahme in Anspruch nahmen, näher zu sein und schickt von dort aus lebendige Eindrücke der „dumpfen Aufregung" (23. Juni 1848): Hier wie anderswo kann man mit Recht zweifeln, ob vielleicht die ganze bisherige und jetzige Verwirrung nicht das bloße Mischen der Karten sei, das eigentliche Spiel aber erst in Zukunft seinen Anfang nehmen soll. — Sonderbar ist immer der Eindruck, wenn ich Menschen, die mir — um mich einer Ausdrucksweise meiner Großmutter zu bedienen — „mädchenweise" bekannt waren, jetzt in den beiden Parteilagern beim Commando beteiligt sehe. Man muß sich da der Hoffnung hingeben, daß eine Revolution die latenten Kräfte hervorlocke oder man muß sich alles Höffens entschlagen und in ruhiger Ergebung zusehen. So weit habe ich es aber noch nicht in der Ergebungskunst gebracht, daß ich mich eines Achselzuckens erwehren könnte, wenn ich den Ton betrachte, aus dem die diplomatischen oder parlamentarischen Werkzeuge für die Zukunft gebildet werden. Vielleicht gebe ich Dir auch noch später einmal Gelegenheit, Deine Schultern auf diese Weise in Bewegung zu setzen, denn jetzt ist und besonders hier am Ort, ein Amt wohl leichter zu haben als ein Laib Brot. Für den Augenblick jedoch hat sich meine Abneigung gegen Mezioth (— billige Ware) auch auf diesem Gebiet noch erhalten. . . Unterdes aber hatte sich sein eigenes künftiges Los überraschend erhellt: noch während er in Hamburg war, hatte ihm der Minister wider alles Erwarten die Zulassung zur Habilitation erteilt. Von dieser Sorge um sein eigenes Schicksal befreit, gibt sich der junge Bernays nun mit ganzer Aufmerksamkeit der Zeit- 359