Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Jugendbriefe von Jacob Bernays
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 358 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauss mich gewinnen können, mir selbst so ein Mengsei der gewaltigsten und kleinlichsten Eindrücke zu bereiten. Nun, ich bin froh, daß auch die Not überstanden ist, welche die Menschlein sich selbst und andern machen. , . Wer möchte jetzt so läppisch sein, über etwas Anderes ernstlich schreiben zu wollen als über die Welterschütterung, und wer möchte wiederum sich der kurzsichtigen Vermessenheit schuldig machen, über Bedeutung, Fortgang und Endziel derselben eine ernstliche Meinung zu äußern? Dieses Dilemma, was sogar die mündlichen Unterhaltungen stört, muß schriftlich noch mehr hemmen, und ihm habe ich auch Dein langes Schweigen zugeschrieben. . . Eine gewisse Befriedigung gewährt es mir, gerade an einem Wendepunkte der Weltgeschichte meine Ausbildung, so weit sie von Lehrern und Ansialten empfangen wird, beendigt zu haben, und als äußeres Zeichen eines solchen Abschlusses ist mir auch die Doctorceremonie nicht ganz ohne Bedeutung. Ob aber nicht auch die Wissenschaft so gut wie das politische Leben in ganz neue Bahnen geführt werden wird, und ob nicht vieles von der ci devant, Weisheit der Weisen zum Gespött der Kinder i,n kurzer Zeit dienen wird, dies für unwahrscheinlich zu halten, können sich nur diejenigen überreden wollen, welche aus ihrer Weisheit einen Erwerb gemacht haben. Ich bin froh, daß ich amtlos bin und unbefangen dem Gottesspiel zuschauen kann, das an Umfang des Schauplatzes, an Zahl der Handelnden und endlich an Bedeutung und Gegensatz der kämpfenden Prinzipien dem Größten an die Seite treten wird, was die Menschheit seit dem Sturz des Römerreichs gesehen hat. — Daß in dieser Zeit nicht nur wissenschaftliche Pläne den Kopf des jungen Gelehrten erfüllten, zeigt uns höchst überraschend ein Entwurf aus seinem Nachlasse, der vom 24. März 1848 datiert ist und eine politische Ansprache an die Bonner Studenten enthält: nun, da die Professoren schon in die Volksvertretung gewählt worden wären, müßten auch die Studenten in den bevorstehenden Ferienwochen „nach vollbrachter Waffentat" ihre Wünsche zu bestimmtem Ausdruck bringen. — Ob diese Ansprache je gehalten worden ist? ob sie Widerhall fand? — wir wissen es nicht. Jedenfalls aber zeigt dieser Entwurf, daß Jacob Bernays in dieser allgemeinen Welterschütterung nicht nur in seinen Büchern lebte. Wer weiß, wie anders sich sein Leben abgespielt hätte, wenn diese jetzt gepflanzten Keime zu tätigem, nicht beschauendem Leben weiter aufgewachsen wären! — Daß sie es nicht konnten, hängt mit dem endlich doch mehr kontemplativen als aktiven Temperament des Mannes, vielleicht auch mit seiner jüdischen Lage zusammen. Aber seine Briefe entwickeln sich von nun an zu Zeitgemälden, die von vergleichsweise unwichtigem Einzelleben — sei es auch sein eigenes! — rasch zum großem Rundblick schreiten. Zunächst freilich scheint auch seine eigene Zukunft durch den Umsturz gefährdet, da „durch die Verwirrung in den Rheinlanden vielleicht sogar der Bestand der Universität Bonn gefährdet 358