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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 355

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Jugendbriefe von Jacob Bernays
Date
1935-11-01
Page
355 (sequence 2)
Language
German
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Bertha Badt-Strauss: Jugendbriefe von Jacob Bernays „keinen Tag in seinem Leben versäumte er, die Tefillin um Haupt und Arm zu legen — aber von seinen jüdischen Brüdern hat er sich zeitlebens fast geflissentlich ferngehalten — nicht einmal mit den Kollegen am hiesigen Seminar ging er freundschaftlich um .... höchstens daß er den andern ,Klassiker', Joel, manchmal plötzlich zu sich in sein Stübchen holte, wenn ihm ein neuer wissenschaftlicher Fund gelungen war. Kann man dem Judentum nahe sein, wenn man sich den jüdischen Schicksalsgenossen fern hält?" — Der Bedeutendste unter seinen Schülern, Hermann Cohen, hat Jacob Bernays später noch strengeren Vorwurf entgegengerufen: „Daher erschloß sich sein immenses Wissen nicht zu einer innerlichen Fruchtbarkeit .... daher empfand er den Trieb nicht in sich, die Ideen des Judentums, das fortwirkende Wirken desselben seinen christlichen Freunden bekannt und deutlich zu machen. . . „Und dennoch war Bernays ein Zaddik", sagte ein vierter, „— aber, wie es von Noach heißt, so mag es auch von Jacob Bernays gelten, ein vollkommener Zaddik in seiner Zeit: sein Geschlecht konnte keinen andern Typus des Zaddik hervorbringen. Jacob Bernays hat eine ganze Generation von Altertumsforschern zu Schülern gehabt; einer der Bedeutendsten unter ihnen, Wilamowitz, hat in seinen Lebenserinnerungen den merkwürdigen Mann mit seinem „Adelsstolz. . da war alles echt, hatte alles Stil" imponierend gekennzeichnet. Zugleich aber hat dieser Jacob Bernays durch seine Wirksamkeit am Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminar eine Anzahl hervorragender jüdischer Gelehrter herangebildet; Männer wie Hermann Cohen und Jakob Guttmann haben das Bild des Lehrers in mündlichem und schriftlichem Zeugnis immer wieder heraufbeschworen. Und dennoch ist dieser seltene Mann, der zugleich ein gesetzestreuer Jude und ein welterfahrener Beobachter von Zeit und Menschen war, seit seinem frühen Tode — er hat nicht das sechzigste Jahr erreicht — allzu rasch vergessen worden. Seine philologischen Entdeckungen spielten freilich in jedem Kolleg die gebührende Rolle. Aber das Bild des Mannes verblaßte; nicht einmal sein in Bonn befindlicher Nachlaß, den Usener schon zusammengestellt hatte, wurde ausgewertet; sein hundertster Geburtstag ging unbemerkt vorüber. Wir danken es dem Spürsinn und der hingebenden Bemühung des Breslauers Michael Fraenkel, daß seitdem die Aufmerksamkeit stärker auf Jacob Bernays gelenkt worden ist. Vor kurzem wurde mir durch die Freundlichkeit von Dr. Eduard Berend ein bisher unbekannter Briefwechsel aus Jacob Bernays' Jugendzeit zur Verfügung gestellt, der einige entscheidende Jahre in diesem Gelehrtenleben näher beleuchtet: gibt doch dieses jüdische Gelehrtenleben in seiner scharfen Ausprägung von Orthodoxie und Geistesfreiheit uns Heutigen einen in seiner Bedeutung für unsere Gegenwart noch nicht klar genug erkannten 355

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