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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 353

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow
Date
1935-11-01
Page
353 (sequence 3)
Language
German
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Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow zusagen die Essenz seines Lebens gegeben habe, nannte er „Schatten des Todes", eine Erzählung, die um dieselbe Zeit in deutscher Übersetzung erschienen war. Diese Erzählung, die einen sehr tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte, trug ich als einziges Buch in meinem Rucksack bei mir. Es ist ein an Autokritizismen und psychologischen Beobachtungen reiches Tagebuch eines berühmten Mannes. Aber ich muß die für mein Erlebnis wichtigste Stelle daraus zitieren: „Ich frage mich, warum sitze ich hier, ich, der berühmte Mann, hier in diesem kleinen Gasthauszimmer, auf diesem Bette mit der fremden grauen Decke? Warum starre ich diese billige blecherne Waschschüssel an und horche, wie auf dem Gange draußen die klapprige Uhr tickt? Ist das alles meiner würdig, meines Ruhms und meiner hohen Stellung unter den Menschen? Und auf diese Frage antworte ich nur mit einem höhnischen Auflachen. Lächerlich kommt mir die Naivität vor, mit der ich einmal in meiner Jugend die Bedeutung des Ruhmes und die Ausnahmestellung der berühmten Männer aufgebauscht habe. Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrfurcht genannt, mein Bild hat in der „Illustrierten Zeitung" gestanden und in anderen Wochenschriften, meine Biographie habe ich sogar einmal in einer deutschen Zeitschrift gelesen — und was ist das Ergebnis von alledem? Ich sitze mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden Bett. . . Worin dokumentiert sich denn meine Ausnahmestellung? Zugegeben, daß ich tausendmal berühmt bin, daß ich ein großer Mann, der Stolz meines Vaterlandes bin; sie werden in allen Zeitungen Bulletins über meine Krankheit veröffentlichen, die Post wird mir mitfühlende Adressen meiner Kollegen, meiner Schüler und des Publikums bringen, aber das alles macht die Sache nicht anders. Ich werde in einem fremden Bette sterben, traurig und ganz allein und verlassen . . ." Welch eine innere Stimme war es, die ihn seinen eigenen Tod voraussehen ließ? Es kam, wie er es hier prophezeit hatte. Er starb in einem fremden Bette, er starb allein und verlassen . . Mein Freund und ich kamen am 15. Juli abends nach Badenweiler, konnten aber weder im Hotel Sommer, wo wir zuerst vorgesprochen hatten, noch sonstwo zwei anständige Zimmer bekommen. Es herrschte ein auffallend großer Fremdenverkehr. Müde und abgespannt kehrten wir zum Wirt des Hotels Sommer zurück, der uns endlich zwei Dachluken anwies, wenn wir damit zufrieden sein wollten. Notgedrungen nahmen wir sie. Aber man konnte sich nicht darin aufhalten, ohne in tiefe Schwermut zu verfallen; es waren wohl Dienstbotenräume, die uns zuliebe für diese Nacht freigemacht wurden. Mein Zimmer war sehr klein und auf dem Bett lag eine graue Decke. Eine blecherne Waschschüssel stand in der Ecke und draußen im Gange . . . Mein Gott! 353

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