Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 354 (sequence 4)
- Language
- German
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Bertha Badt-Strauss: Jugendbriefe von Jacob Bernays Ein Beitrag zur Geschichte der Emanzipation Als ich ein Kind war — man verzeihe mir diese persönliche Erinnerung — sprachen in meiner Vaterstadt Breslau noch viele Menschen von Jacob Bernays, dem genialen Philologen, wenn er auch nur etwa ein Jahrzehnt „an den schlammigen Ufern des Oderstroms", wie er sich ausdrückte, gewirkt hatte. Mein Vater und seine Freunde gehörten zu Bernays' Schülern am Breslauer Jüdisch- Theologischen Seminar; und es war seltsam zu beobachten, wie sich in jedem dieser Schüler das Bild des großen Lehrers — und besonders sein Bild als Jude! — verschieden widerspiegelte. Der eine hob sein unverbrüchliches Festhalten an der Treue gegen die jüdischen Lebenssitten hervor, das dem Freunde der Fürstin zu Wied und des Preußischen Gesandten in London, Chr. Josias von Bunsen, die ein wenig verwunderte Achtung seiner nichtjüdischen Gastfreunde eintrug. „Ganz gewiß", meinte dagegen der andre, (Fortsetzung von Seite 353) Ich nahm Tschechows Buch aus dem Rucksack und las die oben zitierte Stelle. Es war bereits ziemlich dunkel und ich konnte es nun einfach nicht länger in der Kammer aushalten. Es trieb mich hinaus. Mir wurde unheimlich, ohne daß ich eine Erklärung für meine Erregung gefunden hätte. Es war etwa halbneun Uhr. Ich stürzte ins Vestibül, und meine Erkundigungen ergaben, daß wiederum vier Jahre zuvor, genau am selben Tag, in eben derselben Stadt, Anton Tschechow in demselben Hotel gestorben war, in demselben Zimmerchen, das ich innehatte und das er in „Schatten des Todes" beschrieben hatte. Er starb am 15. Juli abends nach acht. Ohne es zu wissen hatte ich eine Totenfeier abgehalten, als ich auf seinem armseligen Sterbebette sitzend, sein liebstes Buch gelesen hatte. Die Überfüllung aller Hotels erklärte sich daher, daß am nächsten Tag im Kurgarten Tschechows Denkmal enthüllt wurde; dieser Anlaß hatte zahlreiche Russen herbeigelockt. Bis auf den heutigen Tag fehlen mix die logischen Zusammenhänge dieses Erlebnisses. War das alles Zufall? Und ist der Zufall nicht bloß ein Verlegenheitswort für das Unerklärbare? Oder für den Aberglauben? Und ist der Aberglaube etwas anderes als eine Hoffnung oder eine Furcht? 354