Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 352 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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J. E. Poritzky anfing. Ich erzählte, daß damals, als ich mit ihm bei meinen Eltern in meiner Heimatstadt Karlsruhe weilte, die Schauspieler des Hoftheaters davon Wind bekommen hatten. Die Hofbühne bereitete just um diese Zeit eine Ibsenaufführung vor, in der die erste Liebhaberin Frau Höcker (Schwägerin des Schriftstellers Paul Oscar Höcker) die Hauptrolle zu spielen hatte. In der Provinz stritt man sich nämlich damals um Ibsenauffassungen genau so wie in Berlin. Da nun Berg, als Ibsenforscher berühmt, gerade in Karlsruhe war, stürzten die Schauspieler, als wir in der Brauerei Moninger ein Glas Bier tranken, förmlich auf ihn zu, um ihn über Auffassung und Darstellung auszuhorchen. In erster Linie Frau Höcker. Während ich also diese Erinnerung auffrischte und eben von Frau Höcker spreche, klingelt es schrill durch den totstillen Wald und auf dem Zweirad saust Frau Höcker in kleiner Radlergesellschaft vorüber. Wir erkennen uns und begrüßen uns jubelnd, staunend und gegenseitig verblüfft, uns nach Jahren mitten im Schwarzwald zu begegnen. Frau Höcker erkundigt sich noch rasch nach Leo Berg. Ich sage, es gehe ihm ausgezeichnet. Sie trägt mir herzliche Grüße an ihn auf und entschwindet wieder in den weiten, rauschenden und einsamen Wäldern des Murgtals. Einige Tage darauf sitze ich mit meinem Wandergenossen in dem württembergischen Schwarzwaldstädtchen Schramberg in der „Post" bei einem Schoppen Durbacher Weißherbst. Wieder überfallen mich Erinnerungen an Berg, denn von hier aus war ich mit Berg zu Fuß nach Tennenbronn gegangen, und während mein Freund eben im „Schwarzwälder Boten" schmökert, sage ich: „Genau auf den Tag vor drei Jahren saß ich ebenfalls hier in der „Post" am gleichen Tisch mit Leo Berg; dieselbe Kellnerin bediente uns, wir tranken den gleichen Wein und er saß mir genau so gegenüber. Alles kehrt wieder. Wie seltsam das ist!" Mein Freund schrickt zusammen, starrt in die Zeitung und legt sie stumm vor mich hin. Er zeigt auf eine Notiz. Telegramm aus Berlin: Der Berliner Schriftsteller und Ibsenforscher Leo Berg ist am gestrigen Sonntag Vormittag an einem Herzschlage gestorben. An demselben Sonntag Vormittag, um dieselbe Stunde, in der ich die Begegnung mit Frau Höcker hatte, die mir Grüße an Berg auftrug. * Ich war mit Anton Tschechow dadurch in Beziehung gekommen, daß ich schon öfters über ihn geschrieben hatte. Als ich ihn einmal fragte, in welchem seiner Bücher er sein Tiefstes, so- 352