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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 347

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik
Date
1935-11-01
Page
347 (sequence 9)
Language
German
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Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik in seiner Stellung zu Religion und Geraeinschaft, zu Staat und Menschheit, zu Vergangenheit und Zukunft wissenschaftlich zu erforschen, um das Mißverhältnis, in dem sich nach einem Ausspruch Moses Mosers der Kulturzustand der jüdischen Nation mit dem Staat befand, aufzuheben. Es waren die Männer des Kulturvereins, Hillmar, List, Auerbach, Jost, Zunz, Gans und Moser, die im Jahre 1819 als Antwort auf die Hep-Hep-Bewegung den „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" gründeten. Aufgewachsen in der Ideenwelt des deutschen Idealismus und der modernen historischen Wissenschaft, war es diesen Männern nicht mehr möglich, ähnlich den Reformern aus dem Komplex Judentum die Religion zu eliminieren und als Konfession zu stabilisieren, noch weniger das Judentum den Dogmen und Gesetzen der Orthodoxie gleichzustellen. Sie wußten um das Eigenartige und Einmalige eines jeden Volkstums und begriffen daher das Judentum als etwas Ganzes, Unteilbares und Lebendiges, als ein, wie List es einmal etwas unbestimmt definierte, bleibendes Sein, eine einmalige Erscheinung, ein Wissen, daß wir sind, ein Zwang uns zu erhalten, ein Bewußtsein von einem ewigen Innern, das das vergängliche Äußere nicht aufheben kann. Dieses lebendige innere Prinzip zu ergründen, sollte die Aufgabe einer eigenen Wissenschaft des Judentums sein, unter der sie nicht allein die Erforschung der gesamten Verhältnisse, Eigentümlichkeiten und Leistungen der Juden in bezug auf Religion, Philosophie, Geschichte, Rechtswissenschaft, Literatur und Bürgerleben, sondern auch die Erforschung des Einflusses verstanden, den die Idee des Judentums auf die Entwicklung des menschlichen Geistes ausübte. Aber die Wissenschaft nicht allein um der Wissenschaft willen. Die Erforschung der Vergangenheit sollte vielmehr dazu dienen, ein müde und mutlos gewordenes Geschlecht mit freudigem Stolz auf sein Schrifttum, seine Helden und Propheten zu erfüllen und das alte Kulturerbe zum aufbauenden und formenden Element des jüdischen Wesens zu gestalten. Gleichzeitig sollte sie eine feindliche Umwelt über die religiöse Uridee des Judentums aufklären, in der sich der Weltgeist einst ebenso offenbarte wie in Griechentum und Christentum, und ihr die Möglichkeit der Entscheidung über Wert und Unwert der Juden, über Fähigkeit und Unfähigkeit ihrer Gleichstellung und Gleichberechtigung anheimgeben. Aber noch eine dritte Aufgabe hatte die Wissenschaft vom Judentum zu erfüllen. Sie sollte das Problem lösen, um das die Generation jener Tage am inbrünstigsten und sehnsüchtigsten rang: das der völligen Aufgabe und Hingabe an die Umwelt oder das der Selbsterhaltung und damit Abschließung und Absonderung von ihr. War die Wissenschaft, wie eine hochgestimmte, zum Bewußtsein ihres Geistes gekommene Zeit glaubte, die alleinige Trägerin der 347

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