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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 346

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik
Date
1935-11-01
Page
346 (sequence 8)
Language
German
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Selma Stern-Täubler widerlegten sie gleichfalls mit den Argumenten einer vergangenen Zeit. Ähnlich den Abgeordneten des französischen Sanhedrins definierten sie das Judentum als eine Religionspartei, eine allen anderen Konfessionen ähnliche Konfession, durch die allein sich die Juden von den anderen Staatsbürgern unterschieden, deren Sitten, Lebensweise, Sprache und Bildung sie im übrigen teilten. Den Vorwurf unpatriotischer Gesinnung wiesen sie durch den Hinweis auf die Teilnahme an den Freiheitskriegen zurück wie durch die Aufzählung der vielen biblischen und talmudischen Gebote, die den Juden den Gehorsam gegen die Landesfürsten und die Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten zum Gesetz machten. Der leidenschaftlichste und radikalste Kopf dieser Gruppe, der politische Schriftsteller SaulAscher, ging sogar so weit, „die Einordnung in den Staat als die einzige jüdische Aufgabe des Juden" zu bezeichnen und dem Judentum keine andere Aufgabe zuzusprechen als „die Erziehung zu dem Bekenntnis, daß in der Gemeinschaft, nämlich im Staate, das größte Maß von Glückseligkeit vorhanden sei". Zu der gleichen Gruppe der Verteidiger gehörten dann die ebenfalls auf dem Boden der Aufklärung stehenden Theoretiker der jüdischen Reform, die auf dem Wege des Kompromisses eine Lösung zu finden suchten. Dieses Kompromiß bestand darin, nach dem Willen des Staates die eigene Nationalität abzuschwören, die Jahrhunderte alte Tradition zu verneinen, das jüdische Stammesleben, das gemeinsame Recht, die gemeinsame Verfassung und die gemeinsame Sprache zu verwerfen, alle alten nationalen Besonderheiten und Eigentümlichkeiten zu beseitigen, das ganze Ritual und Zeremoniell den gottesdienstlichen Formen der Umwelt anzupassen und die Religion, die einst das Leben der Ahnen beherrschte und durchdrang, zu einer jüdischen Glaubenslehre, einer persönlichen Konfession, einer ethischen Weltanschauung zu machen. In ganz anderer Richtung wiederum bewegten sich die Gedankengänge einer vierten Gruppe, als deren Repräsentanten ich Ludwig Börne bezeichnen möchte. Zu ihr gehörten Männer, die dem Judentum gleichgiltig, fremd, sogar feindlich gegenüberstanden, die es aber aus einem tiefen Gefühl für Menschenrecht heraus in Schutz nahmen. Ihr Kampf galt nicht so sehr der Befreiung ihrer Glaubensgenossen als der bürgerlichen und politischen Emanzipation der deutschen Gesellschaft, mit deren Emanzipation, wie sie glaubten, die Emanzipation der Juden aufs innigste zusammenhing. Im Gegensatz zu der müden Resignation der Weltschmerzler und der naiven Kompromißpolitik der Reformer versuchte eine fünfteGruppe, getragen von einem heiligen Enthusiasmus und einem tatkräftigen lauteren Wollen, nicht nur das Judentum als Idee, sondern den jüdischen Menschen in seinem existentiellen Sein, 346

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