Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 345 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik Ihre Wortführer, Stahl und Neander, sind nur die begabtesten Exponenten einer Richtung, in der sich die verschiedensten Elemente und Charaktere begegneten. Es ist in unserm Zusammenhang gleichgültig, daß beide dem Christentum neuen Aufschwung gaben und ihm neue Wege in die Zukunft wiesen. Wichtig für unsistnur,daß es ihnen gelang, ohne jedes bewußte Kompromiß den Übergang zum anderen Volkstum, zur anderen Religion und zur anderen Kultur zu vollziehen, daß das protestantische Christentum, von dem aus dieser Übertritt geschah, ihr Wesen gestaltete, ihr Dasein beherrschte, ihre wissenschaftliche und öffentliche Tätigkeit durchglühte und heiligte. Mochte auch ihre strenge und bei Stahl manchmal starre Gläubigkeit das Erbteil ihrer gesetzestreuen Ahnen sein, so war bei ihnen die persönliche Loslösung vom eigenen Volkstum einmalig und unwiderruflich. Sie geschah voller Bewußtheit und in der Überzeugung, daß das Christentum „der politische Glaube des Jahrhunderts" sei, daß das Judentum dagegen seine Aufgabe erfüllt habe, nachdem es den Glauben an den einzigen Gott verbreitet und Christus der Welt geschenkt hätte. Während die erste Gruppe das Judentum als leidvolles Schicksal erlebte, die zweite es aus ihrem Dasein verdrängte und mit neuen Lebensformen überdeckte, wurde es von einer dritten Gruppe aufrichtig bejaht und leidenschaftlich gegen die Angriffe der Umwelt verteidigt. Aber v/ährend die ersten beiden Gruppen sich den neuen Zeitmächten beugten und ihre Macht anerkannten, versuchten die Verteidiger des Judentums die Frage zu lösen, indem sie die modernen Ideen negierten. Da man das Judentum weder mit der Lehre des christlich-germanischen Staates noch mit den philosophischen Systemen der Zeit in Harmonie bringen konnte, lehnte man sie als blinden Fanatismus, als eine neue mystische, poetische Politik, als belanglose Träumereien einiger weniger, vom jakobinischen Geist der Empörung erfüllter, vorurteilsvoller Schriftsteller ab, oder man sah in den judenfeindlichen Schriften das Werk leichtgläubiger, menschen- und weltunkundiger Professoren, die sich törichterweise zu Wortführern der niedrigsten Gemeinsprüche und Erdichtungen hergäben, um den Brotneid der Massen und ihrem Durst nach Menschenblut Vorschub zu leisten. Die Waffen, mit denen sie die neuen Ideen bekämpften, entlehnten sie der Ideologie der Aufklärung; das Judentum, das sie der Lehre des christlich-germanischen Staates entgegenhielten, war das natürliche Gesetz, die natürliche Sittenlehre Moses Mendelssohns, ihr Gott das unendliche einzige Wesen, das höchste Ideal der Liebe und Tugend des Deismus, ihre Religion die Menschheitsreligion des Rationalismus. Die Anklagen der Gegner, daß die Juden eine über die ganze Welt verbreitete nationale Organisation bildeten, daß ihre theokratische Verfassung und ihr ausgeprägtes Volkstum eine Verschmelzung mit dem deutschen Volkstum verhinderten, 345