Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 344 (sequence 6)
- Language
- German
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Selma Stern-Täubler klang standen, so sah sich die spätere Generation vor Aufgaben gestellt, die die früheren Geschlechter noch nicht ahnten. Wenn Mendelssohn die jüdische Religion mit der Religion der Vernunft, die jüdischen Wahrheiten mit den ewigen Wahrheiten verbinden konnte, so war es jetzt nicht mehr möglich, den jüdischen Gottesbegriff mit dem Gottesbegriff der Romantik in Übereinstimmung zu bringen oder eine Einheit herzustellen zwischen dem auf allgemeinen Vernunftgesetzen basierten Judentum der Aufklärung und dem individuell eigentümlichen Christentum Schleiermachers, das „mit Vernunft nichts mehr zu tun hatte". Trotz aller Schwierigkeiten hat auch diese Generation versucht, eine Lösung der Frage zu finden und sich mit dem Problem von Judentum und Deutschtum auseinanderzusetzen. Die erste Emanzipationsgeneration konnte bei der Gleichartigkeit ihrer Welt- und Lebensanschauung in einer fest verbundenen Kameradschaft zusammenstehen. Der Name „Der Sammler", den sie ihrer ersten Zeitschrift gaben, deutete symbolisch die Gemeinsamkeit ihrer Ideale und die Einheitlichkeit ihres Wollens an. Die dem Judentum entfernte, von fremdartigen Bildungsmächten überwältigte zweite Generation war genötigt, sich in verschiedene Gruppen zu spalten und verschiedene Wege zu gehen, um dem Rätsel der ihr unverständlich gewordenen jüdischen Existenz nachzugrübeln. Unter der ersten Gruppe fasse ich jene enthusiastischen, schöngeistigen, von der deutschen Kultur berauschten Männer und Frauen der Zeit zusammen, deren Wesen nicht mehr durch das Judentum, sondern durch die Bildung der Umwelt geformt worden war. Mochten sie, wie Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel und Heinrich Heine, die verlassene und traurige Synagoge mit der besuchten und freudigen Kirche vertauscht haben oder Juden geblieben sein wie Michael Beer: gemeinsam war ihnen das leidenschaftliche Erlebnis der klassischen und romantischen Literatur, hinter dem das Judentum in wesenlosem Schein versank. Diese Hingabe war so grenzenlos, das Gefühl des Befreitseins von langem Druck so aufwühlend und erschütternd gewesen, daß sie den Judensturm von 1819 als die größte Demütigung ihres Daseins empfanden. Die enttäuschte Liebe, in ihrem stärksten und reinsten Gefühl verraten und verletzt, zog sich hinter die Mauer einer bitteren Menschenverachtung, einer gnadenlosen Einsamkeit zurück und fand nur noch die Kraft, in wehmütigen Melodien den tausendjährigen Schmerz zu beschwören oder das düstere Martyrium eines grausamen Schicksals in stillen Klageliedern zu beweinen. Dieser Gruppe, die selbstquälerisch und leidend den großen Judenschmerz erlebte und unsicher und zerrissen zwischen Deutschtum und Judentum schwankte, stand eine zweite Gruppe gegenüber, die ohne inneren Bruch das Judentum verließ und die Entscheidung zugunsten von Deutschtum und Christentum vollzog. 344