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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 343

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik
Date
1935-11-01
Page
343 (sequence 5)
Language
German
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Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik fördern, indem man eine Sonderbildung auflöste, die nicht nur religiöse, sondern auch nationale und staatliche Sonderzüge aufwies. Diese Vorstellung, daß man dem Juden die Aufnahme in die deutsche Volksgemeinschaft nicht versagen dürfe, daß man sie ihm aber nur gewähren könne, wenn er sich ihr ganz hingebe, d.h. wenn er sich entjudaisiere und sein an seine Religion gebundenes Volkstum aufgebe, sollte in den nächsten Jahrzehnten die Auseinandersetzung zwischen Judentum und Deutschtum beherrschen. Es war die immer wieder verkündete Lehre, daß die Idee der christlichen Nation sich nicht mit der Idee der jüdischen Nation vertrage, daß die Juden erst nach Ablegung ihrer mit ihrem Glauben identischen Nationalität sich in das Leben, in die Sitten und die Einrichtungen des christlichen Staates einfügen könnten. Uns interessiert an dieser Stelle am meisten die Frage: Wie antwortete die deutsche Judenschaft auf die Vorschläge der christlichen Gesellschaft, die zum Teil mit Angriffen auf Rabbinismus und Talmud, auf das wirtschaftliche, soziale und moralische Verhalten der Juden verknüpft waren, und die in der Hep-Hep-Bewegung des Jahres 1819 ihren nach außen sichtbaren Ausdruck fanden? Welchen Eindruck machte die plötzliche Wandlung der Weltanschauung auf eine Gemeinschaft, die in der Erlangung der staatsbürgerlichen Rechte das messianische Reich gekommen sah? Liest man die Schriften, die Memoiren und Briefe der ersten Generation der Zeit nach Moses Mendelssohn, so hat man den Eindruck, daß die meisten fassungslos und verständnislos der veränderten Zeitstimmung gegenüberstanden. Auch Mendelssohn und seinen Freunden waren Anfeindungen nicht erspart geblieben. Wenn jene aber gezwungen wurden, das Judentum zu verteidigen, wie Mendelssohn in seiner Disputation mit Lavater, so konnten sie diesen Kampf mit der Sicherheit und Festigkeit führen, die ihnen ein tief erlebtes und erforschtes jüdisches Wissen verlieh. So freudig sie die europäische Bildung in sich aufgenommen hatten, so war ihnen das Judentum dennoch eine durchaus selbständige Macht geblieben, die sie stolz neben die neuen Werte stellten. Das U r - erlebnis der jüdischen Religion stand gleichberechtigt neben dem Bildungserlebnis der europäischen Kultur. Die beiden Elemente waren für sie ohne Spannungen und Konflikte vereinbar und tragbar. Sie fanden es noch selbstverständlich, ebenso gründlich Maimonides zu lesen wie Kant, die deutsche Literatur zu kritisieren und eine hebräische Zeitschrift herauszugeben, die Idyllen Gessners ins Hebräische und den Hiob ins Deutsche zu übersetzen. Eine so einfache und problemlose Lösung der Judenfrage war der Generation der Romantik nicht mehr vergönnt. Konnten die Juden der Mendelssohnschen Zeit an eine Verschmelzung von Judentum und Deutschtum glauben, weil ihre Vorstellung der bürgerlichen und kulturellen Emanzipation mit den Ideen der Zeit in Ein- 343

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