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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 342

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik
Date
1935-11-01
Page
342 (sequence 4)
Language
German
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Selma Stern-Täubler des Mittelalters zu vernichten. Aus diesem Grunde hatte er auch die bisher autonome jüdische Gemeinde als genossenschaftlich geeinte Gesamtheit aufgelöst. In dem gleichen Maße aber, wie die freie Korporation im Staate verschwand, konnte der Staat dem einzelnen Juden erlauben, was er der Gesamtheit hatte versagen müssen. Er konnte ihn, der nun nicht mehr Mitglied einer nur geduldeten und rechtlosen, besonderen Gemeinschaft war, als Mitglied einer nivellierten und uniformierten Untertanenschaft in seinen Staatsverband eingliedern. Dagegen war es für den auf mittelalterlichen Bindungen beruhenden Patrimonialstaat Hallers, für den auf autonome Korporationen sich stützenden, christlichen Staat Baaders, für den auf Herrschaft und Dienstbarkeit aufgebauten, von apostolischer Liebesgesinnung getragenen, von vier Ständen — dem Lehrstand, Nährstand, Wehrstand und Verkehrsstand — gebildeten und vom Geburtsadel beherrschten Feudalstaat Adam Müllers nicht möglich, eine an die christlichen Satzungen der Zünfte nicht gebundene, mit Grund und Boden nicht verwachsene Gemeinschaft in sich aufzunehmen und mit dem eigenen Volke organisch zu verbinden. Die Denker der Aufklärung hatten eine Lösung der Judenfrage in einer Umwandlung der beruflichen, der sozialen, der gesellschaftlichen Schichtung der jüdischen Gemeinschaft, in ihrer völligen Anpassung an die Kultur und die Bildung des Jahrhunderts gesehen. Die religiösen und nationalen Gebundenheiten und Eigentümlichkeiten der Juden hatten für sie noch keine Rolle gespielt. Auch für die Anhänger der Romantik war der Wert des jüdischen Menschen unantastbar und unverletzlich. Die Achtung vor seiner Persönlichkeit und seinem Menschentum beweisen die hochgestimmten geistigen, seelischen und erotischen Freundschaftsverhältnisse, die Deutsche mit Juden damals verbanden. Auch in der Forderung der bürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung stimmte die Romantik mit der Aufklärung überein. Aber diese Gleichstellung war an Bedingungen geknüpft, um die die Aufklärung noch nicht oder nicht mehr gewußt hatte. War man bereit, den Juden als Menschen anzuerkennen, so war man nicht bereit, ihn als Juden in den Staatsverband zu übernehmen. Konnte das wahrhaft sittliche Leben, dessen Beförderung der letzte Zweck aller Staaten sein sollte, unter den christlichen Völkern nur ein christliches sein, so konnte man die Judenfrage nur lösen, indem man die jüdische Gemeinschaft zur Annahme des Glaubens der :christlichen Gemeinschaft zwang. Wurde zudem ein Volk zu einem Ganzen nur durch ein inniges Zusammenwachsen aller seiner Eigentümlichkeiten, durch die gleiche Art der Äußerung, der Gesinnung, der Sprache, des Glaubens und durch die Anhänglichkeit an seine Verfassung, so mußte man dieses Zusammenwachsen 342

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