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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 341

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik
Date
1935-11-01
Page
341 (sequence 3)
Language
German
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Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik Überzeugung entstehen, daß man an die Stelle des durch Schicksal und Geschichte isolierten und differenzierten Juden einen zu allen Zeiten und in allen Ländern gleichen, wesentlichen Menschen setzen könnte. Für die Romantik dagegen, die in Märchen und Legende, in Sage und Geschichte das Werden des Volksgeistes erkannte und in jeder Erscheinung das Einmalige, durch Sprache, Landschaft, Nation, Rasse, Stamm und Staat, Recht und Sitte Eigentümliche aufspürte, war das Wesen des Judentums gleichfalls ein besonderes, mit dem besonderen Wesen des Deutschtums schwer zu verbindendes Element. Wenn man, wie Achim von Arnim, in dem Teilhaben an der gemeinsamen Vergangenheit und ihren Überlieferungen ein alle Schichten des Volkes verbindendes und alle Klüfte überbrückendes Moment der Einheit sah?, oder wenn man, wie Adam Müller, das Volk als die erhabene Gemeinschaft der langen Reihe von vergangenen, jetzt lebenden und noch kommenden Geschlechtern betrachtete, so gab es in dieser Gemeinschaft für den Juden keinen Platz mehr. Der absolutistische Staat, der es nicht für notwendig gehalten hatte, „die Glaubenseinheit der Untertanen als Klammer des Untertanengehorsams zu gebrauchen", konnte die jüdischen und die christlichen Untertanen gleichberechtigt nebeneinander bestehen lassen. Der christlich-germanische Staat dagegen, der jede sittlichreligiöse Erneuerung nur durch das Christentum erhoffte und in dem sich die Burschenschaft als die neue christliche Ritterschaft fühlte, die alle unchristlichen Elemente zu vernichten ausersehen war, konnte seinem innersten Wesen nach weder den jüdischen Beamten noch den jüdischen Offizier in seinen festgeschlossenen Reihen dulden. Der merkantilistische Staat hatte die Ansiedlung der Juden gefördert, weil er in ihnen einen außerhalb der ständischen Gesellschaft lebenden, vom Herrscher allein abhängigen Stand sah, den man für alle Experimente des Merkantilismus, für Verlag und Fabrik, für Heeres- und Münzlieferungen, für den Umsatz der Massen- Produkte und Luxuswaren gebrauchen konnte. Für die Anhänger des christlich-germanischen Staats dagegen, die in der Aufrechterhaltung der ständisch-natürlichen Gliederung das göttliche Gesetz erfüllt sahen, die sich einig waren im Kampf gegen freie Initiative und freien Verkauf, war der jüdische Händler, Bankier und Fabrikant ein für den Aufbau des Staates unwesentliches und daher unerwünschtes Element. Der absolutistische Staat hatte, den Ideen von Pufendorf, Hobbes und der Naturrechtslehre folgend, mit der mittelalterlichen Vorstellung des von Gott geschaffenen „föderalistischen Baus des gesellschaftlichen Ganzen" gebrochen. Um die ideelle Einheit der Staatsuntertanen zu erreichen, hatte er den Versuch gemacht, die lokalen, beruflichen und häuslichen Verbände und Korporationen 341

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