Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Das Gesicht der jüdischen Jugend
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 338 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Israel Bergmann: Das Gesicht der jüdischen Jugend Ledergürtel und die andern Jungs begrüßten ihn mit dem Ruf „Tel Chaj". Fast jeden Tag stellte der Kommandant die Jungrevisionisten in einer Reihe aus und sang mit ihnen die „Hatikwah". Aber auch der Entschluß, sich in die Bewegung einzugliedern, führt wieder zu neuem Zweifel: . . . Zu Hause riet man mir, nach Palästina zu fahren. Das heißt, ich soll in den „Hechaluz" eintreten. . . Jeder, der nach Palästina reist, schreibt begeisterte Briefe. Gut, aber wenn ich wohin fahren sollte, muß ich ein Ziel vor den Augen und einen Beruf in den Händen haben. Meine Kenntnisse und Gymnasialbildung werden in Palästina keine Verwendung finden. Sagen wir, ich werde den Rat der Eltern befolgen, ich werde in die Organisation eintreten. Nach einem Jahr oder mehr wird man mich, nach der „Hachscharah" schicken, wo ich schwer arbeiten werde, obwohl ich noch nie körperlich gearbeitet habe. Es heißt, es ist unmöglich, daß ich das schaffen kann. Warum soll ich mich und andere betrügen? Nun, es wird schon gehen, ich werde auch die „Hachscharah" bestehen, ich habe etwas Geld gespart, werde ein Zertifikat erhalten und nach Palästina reisen. In Erez bleibt mir nur, in einem „Kibbuz" zu arbeiten. Werde ich in der körperlichen Arbeit die Bedürfnisse des Geistes vergessen können? Werde ich gute Freunde unter den arbeitenden Menschen finden? Ich weiß, wie solche Menschen, die körperlich arbeiten, sich zu den intellektuellen" stellen. Nach soviel Jahren Leiden, wenn ich mir endlich eine Position geschaffen habe, wird es für mich schrecklich sein, wenn die Menschen, die mit mir zusammen arbeiten, mich nicht verstehen werden und sich feindlich zu mir stellen sollten. Ich rechne aber, daß ich es doch so machen werde, obwohl ich körperliche Arbeit nicht gewohnt bin. Vielleicht wird mich die Arbeit ein wenig umformen. Ich muß die Kräfte zusammen nehmen, um alle Schwierigkeiten zu überwinden. Und mit Menschen muß man umzugehen verstehen. Ich werde das tun, nicht aus idealistischen, nicht aus gesellschaftlichen Gründen, sondern nur deshalb, weil ich keinen Ausweg habe. Hier weiß ich im voraus, kann ich keine Hoffnungen auf ein besseres Morgen hegen. Wenn ich diesen Schritt nicht machen werde, werde ich mir immer den Vorwurf machen, daß ich mich vor den Schwierigkeiten und Hindernissen des Lebens gefürchtet hätte. Ich möchte mich nicht selbst verachten für eine solche Ängstlichkeit. Das Leben trägt auch einmal dem Menschen große Möglichkeiten entgegen. Man muß sie ausnutzen, denn die Zeit verschwindet. Die schärfste Kritik an den bloßen „Konjunkturzionisten" kommt aus den Reihen der zionistischen Jugend selbst: Unter den Elementen, aus denen der „Hechaluz" besteht, bin ich mit meinem ganzen jungen Verstand überzeugt, daß die Mehrzahl des „Hechaluz" nicht an die „Palästina-Alijah" denkt, sondern sie emigrieren einfach 338