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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 339

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Das Gesicht der jüdischen Jugend
Date
1935-11-01
Page
339 (sequence 7)
Language
German
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Selma Stern-Täubler: Die Judenfrage in der Ideologie usw. nach Palästina, um sich dort einzuordnen und dieselben Geschäfte zu machen wie einst der Onkel Menachem-Mendel (ein existenzloser Typ aus den Werken von Scholem Alejchem) in Amerika. Der Unterschied ist nur der, daß hier so ein „Chaluz in der Maske" unter den Flügeln der Hechaluz-Organisation geht, die von Märtyrern aufgebaut worden ist. Und noch zehnmal soviel Vorzüge hat der Name Chaluzah für die Mädchen (natürlich nicht für alle). Die Eltern sind von den „Töchter- Ausgaben" befreit, für euch ist die Welt frei. Man braucht sich nicht mehr zu erniedrigen und dem Onkel aus Amerika vor die Füße zu fallen, er soll tausend Dollar schicken (die er jetzt nicht hat). Sonst bleiben Mädchen, die gute Mütter werden können, sitzen. Jetzt,—für 50 oder 100 Dollar wird man ein Mädchen los, so habe ich die Psychologie der kleinbürgerlichen Eltern verstanden. Kurz, die Mehrheit der Chaluzim und Chaluzoth sind nicht überzeugt in die Reihen des Hechaluz gegangen, und auch nachher nicht zu einer wahren Anschauung chaluzischer Wirklichkeit gekommen.....; Im ganzen zeigen diese Dokumente ein erschütternd trost- und hoffnungsarmes Bild. Man muß sie freilich zu lesen verstehen: die aktivsten Typen unter diesen jungen Menschen haben alle Hände voll zu tun, um ihr Leben zu gestalten — schreiben werden zunächst die andern, die mit dem Leben nicht recht fertig werden. Trotzdem steht diese jüdische Jugend Polens für einen großen Teil der jüdischen Jugend auch anderer Länder beispielhaft da: viel Wille und wenig Weg. . . Selma Stern-Täubler: Die Judenfrage in der Ideologie der Aufklärung und Romantik Die Weltanschauung der Aufklärung hatte den handelnden, von den Vorurteilen der Gesellschaft unabhängigen, von der autonomen Vernunft geleiteten Menschen in den Mittelpunkt des Weltalls gestellt und seinem persönlichen Willen die Leitung der Geschicke anvertraut. Die Weltanschauung der Romantik dagegen setzte an die Stelle des selbstsicheren Verstands das dunkelwogende Gefühl und die mystische Ahnung, an die Stelle des Wissens den Glauben und die Hingabe, an die Stelle der eigenen Verantwortung die Gnade und Erlösung durch die Gottheit. Der Staat der Aufklärung war ein nach rationalen Grundsätzen aufgebautes, nüchternes und mechanistisches Zweckgebilde gewesen. Für die Denker der Romantik dagegen war der Staat ein sinnvoller, heiliger, beschwingter Organismus, eine Verbindung nicht nur der gegenwärtigen, sondern der vergangenen und der kommenden Generationen. 339

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