Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Das Gesicht der jüdischen Jugend
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 337 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Gesicht der jüdischen Jugend eine Antwort bekomme ich? „Wer hat dich geheißen, eine so närrische Frage zu tun? So etwas fragt man nicht!" Mit offenem Munde bleibe ich sitzen. Ich verstehe überhaupt nicht, warum er mich so angeschrien hat, wieso die Frage närrisch ist und warum man dergleichen nicht fragen darf. . . . Natürlich habe ich nicht weiter gefragt, nur die Antwort hat mich auch nicht befriedigt. . . . Ein Zweifel stiehlt sich ins Herz, sitzt jahrelang verborgen in einem Winkel und hat Angst, sich zu rühren. . . . Ein Mädchen aus einer Fabrikstadt treibt seine Auflehnung geradezu bis zur Rache an Gott: .... Anders wars am Schabbat. Vor Tage weckte der Vater den Bruder, um mit ihm beten zu gehen. Uns Mädchen ermahnte er, wir dürften uns nicht mit Seife waschen und nicht kämmen, weil es verboten ist, er schreckte uns mit Gott, der alles sieht, alles weiß und alles richtet. ... //i mir kam eine Schadenfreude an Gott auf. Wenn, wie der Vater sagte, Gott alles sieht und weiß, warum läßt er uns soviel leiden? Ich beschloß mit ihm auf besondere Weise abzurechnen. Wenn der Vater zum Beten ging, wusch ich mich mit Seife mehr als die ganze Woche. . . .Und wenn das noch zu wenig sein sollte für die Schlechtigkeiten, die Gott uns antut, so fand ich noch eine Art von Rache. Nach dem Schalet, wenn der Vater unter der Decke schnarchte und die Mutter mit den andern Kindern auf dem Hof war, blieb ich im Haus, stahl mich still in einen Winkel, wo zwei zerbrochene Betten standen und eine halbzerbrochene Wiege, die niemals leer war — und in diesem Winkel verbarg ich mich und zündete ein Streichholz nach dem andern an. Ich wußte vom Vater, daß das Feuermachen am Schabbat vor Gott eine schwere Sünde ist. Auf diese Weise rechnete ich mit Gott für die ganze Woche ab. . . . Das äußere Bild solcher Abtrünnigen zeichnet ein Warschauer Junge: . . . Die Tochter dieses Mannes (eines sehr bekannten Chassids) hat sich einmal auf dem Schulhof „gerühmt": „Guckt, aber ich esse Schinken!" Das ist für chassidische Töchter bezeichnend. Läßt man sie aus dem „Käfig", dann werden sie wilder und lächerlicher als die Lächerlichsten. Der Vater kann ja nicht achtgeben auf sie. Er hat ja die Reinheit der andern zu hüten. Der gegenwärtige tragische Zustand der ratlosen Jugend führt viele Jugendliche in die zionistische Bewegung hinein, so äußerlich dieser Enthusiasmus sich zunächst auch ausdrückt: Meine gesellschaftliche Vergangenheit: Mein erster Weg war zum „Brüh Trumpeldor". Seine Ideenseite war mir vollständig unbekannt. Meine Freunde sagten mir, daß eine Organisation existiert, wo Jungs und Mädchen zusammen kommen und es wird marschiert. Ich ging dorthin. Das Lokal, in das ich hineinkam, war groß wie der Mund beim Gähnen, an der Wand hingen verschiedene Bilder, z. B. von Jabotinsky, Herzl, Nordau u. a. Es imponierte mir sehr. Der Kommandant trug eine blaue Bluse mit 337