Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Das Gesicht der jüdischen Jugend
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 336 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Israel Bergmann was da ist, das ständige Verlangen, den Ort zu verlassen, um irgend anderswo, weit von hier, zu leben. Schon von ihrer frühen Jugend wird sie mit so vielen Problemen, so vielen Fragen belastet. Statt die Freuden des Lebens zu suchen, findet sie immer ~äie traurige Seite der Münze; im Gegensatz dazu ist das Leben der nichtjüdischen Jugend ganz anders, ruhiger, ganz auf sich selbst gestellt. Einer ist im Dorf, einer in der Werkstatt, einer in der Jugendbewegung. Er ist nicht so belastet mit Sorgen^ denkt nicht an Auswandern, er weiß: hier ist mein Ort, hier muß ich mich einleben und bemüht sich, bequeme Bedingungen in seinem Leben zu schaffen. Dagegen die jüdische Jugend: von Kindheit an von dem Gedanken geleitet, auswandern zu müssen, nimmt sie, wenn sie 17 bis 18 Jahre alt wird, die schwere Last auf sich und geht in die Welt hinaus... Hier schildert ein Mädchen seine Einsamkeit: Man hat für mich einen Beruf ausgesucht — jeder versuchte die Beschäftigung und den großen Verdienst, den sie bringt, zu loben. Dann wurde es sehr langweilig, weil im Städtchen alles tot ist, ein wahrer Friedhof, es existiert kein Verein, an den man sich anschließen könnte. Da folgte ich ihrem Zureden und ging arbeiten zum.....Ich arbeitete, es ist sehr traurig, nach der Arbeit gehe ich im Feld spazieren. Ich liebe die breiten Felder, ich sehe es gern, wenn der Wind mich so ganz durchdringt. Unseren Kleinstädtern kommt es komisch vor, Träumerin nennen sie mich. Sie lachen über mich, einmal gutmütig und einmal bissig. Sie wissen nicht, daß ich mich nicht einleben kann, daß es mir zu eng ist. Wenn nicht die freien Felder wären, könnte ich ersticken. Und die Armut des Städtchens zu sehen, die finsteren Gesichter der Krämer und Handwerker! Wenn jemanden die Armut zu sehr drückt, ziehen sie einigen Mädchen Sabbathkleider an und schicken sie Almosen sammeln zu den armen Einwohnern für ihre noch ärmeren Brüder. Jeder Junge und jedes Mädchen des Städtchens hofft auf ein Zertifikat nach Palästina wie auf den Messias. Der unerträglichen Lage gegenüber, in der das Städtchen sich befindet, sind sie gleichgültig; es ist niemand da, mit dem man sich verständigen, mit dem man zusammenarbeiten könnte, um die Lage zu ändern. Einen ins Geistige übertragenen Versuch, sich aus der Dumpfheit des Ghettos loszulösen, erzählt ein ostgalizisches Mädchen: .... Ich erinnere mich einer Kuriosität aus der Zeit meines Bibellernens: wir hatten gelernt, wie Gott die Welt und alles, was auf der Erde ist, erschuf. Da saß ich eines Tages und dachte: einmal hat es keine Welt, kein Leben gegeben, also hat Gott es geschaffen; und wer hat Gott geschaffen? Ich denke und denke, suche eine Antwort und — nichts. Die Sache läßt mir aber keine Ruhe. Soll ich den Lehrer fragen? Um deri. Lehrer einer Talmudtora-Schule etwas zu fragen, dazu muß man einigermaßen frech sein. Ich erzähle es einer Mitschülerin, vielleicht weiß sie es? . . . Auch sie weiß es nicht. Ich bitte sie, den Lehrer zu fragen, sie will nicht, sie schämt sich. Sie bekümmert es nicht, daß sie es nicht wissen wird. So frage ich den Vater, ich will doch wissen . . . Aber was für 336