Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Das Gesicht der jüdischen Jugend
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 335 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Gesicht der jüdischen Jugend solche Beweise von Mut und Unabhängigkeit für Heldentaten hielt. Ungehemmt und aufgeräumt wurde ich erst in einer Gemeinschaft, in der Klasse; da war ich frech, prahlerisch und großspurig den Lehrern wie den Mitschülern gegenüber. Die Lehrer wußten gewiß nicht, woran sie waren, wenn sie privatim mit mir redeten; da hatten sie es mit einem Halbwüchsigen zu tun, der schüchtern von einem Fuß auf den andern trat. Meine Großspurigkeit und Frechheit waren irgendwohin verschwunden. . . Eine düster gespannte Stimme vertritt hier die Revolution jeder Jugend: In einem hermetisch geschlossenen Topf braust die jüdische Jugend und kann ihre Energie nicht ausladen. Alle Wege sind für sie gesperrt, man läßt sie nirgends heran. Sie ist gekreuzigt und attackiert von beleih digenden national-menschlichen und sozial aufschäumenden Gefühlen, die zur Mirage und Verzweiflung führen. Das Leben der Jugend, das so feurig und temperamentvoll ist, wird schließlich matt vom langen Warten und Suchen und endlich fühlen sie ihre Schwäche und Ohnmacht. Kein Licht wird sie noch erwärmen. Starr aus Hilflosigkeit und Resignation stehen sie müde vor ihrem Abgrund, zerschlagen und erlöschen wie eine sterbende Kerze. Sie wurden ganz verbrannt, es blieb nur Asche mit kleinen Funken, die nicht erloschen. Werden sie noch die Asche anzünden — —? Andere werden verwildert und haben die abstrakte Illusion, sich einzuleben, in den eigenen Augen zu einer mächtigen Größe aufwachsend. Sie sprechen von Kraft und können keine Faust machen, brüllen wie Tyrannen und weinen wie die Kinder, sehen wie die Clowns aus, die herumalbern, Karikaturen des Lachens und der Melancholie. Die engen stickigen Zimmer, mit kleinen rauchenden Naphthalämpchen, verdunkeln ihre Gedanken und verängstigen ihre Blicke. Jedes Wehen eines frischen Windes rauscht wie eine Wasserblase, jede neue Konjunktur gestaltet sie vollständig um, sowohl körperlich wie geistig. In neue Berufe ergießt sich ein Zustrom von allem und jedem. Vier oder fünf Beschäftigungen hat fast jeder gehabt, und keine taugt etwas. Die populärste Beschäftigung ist Schneider oder Tischler, doch haben auch diese Berufe keine Existenzberechtigung. Unser Städtchen produziert Handwerker für die ganze Welt und kann sich doch selbst nicht ernähren — —. Völlige Hoffnungslosigkeit, in dieser krassen Form selten, spricht aus den folgenden Worten: Wenn man von mir verlangen sollte, ich soll meine Anschauung für diese Epoche, in der wir leben, definieren, würde ich so antworten: Eine hoffnungslose Generation. Im allgemeinen kann die jüdische Jugend sich über ihre Sorgen erheben, indem sie diese in den Rang geistiger Auseinandersetzung erhebt: Oft überkommt es mich, mich mit meinen Kameraden über das besondere Los der jüdischen Jugend, die als unvollständige, ewig unzufrieden, ewig suchend, aufwächst, zu unterhalten. Immer unzufrieden mit dem, 335