Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Zum Gedächtnis Karl Joels (gest. 22. Juli 1934) und seines Alterswerks: Weltgeschichte u. Weltphilosophie [Rezension]
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 325 (sequence 2)
- Language
- German
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zu neuer, reicherer Nüancierung und umgekehrt. In diesem Sinne spürt Joel von der Welt der Antike her dem „Geistesstil" der Jahrhunderte nach, ähnlich wie Kunsthistoriker schon immer von einem relativ einheitlichen Stilwillen des Trecento oder des Quattrocento sprachen. Und ganz breit, mächtig ausladend wird dann vor allem das 17., 18. und am umfassendsten das 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart unter diesem Aspekt zur Darstellung gebracht. Mit den Einwänden, sein Schema der weltgeschichtlichen Betrachtung sei formalistisch leer und halte sich viel zu äußerlich an die herkömmlichen Säkular grenzen der christlichen Zeitrechnung, mit solchem naheliegenden Einwendungen hat sich Joel selbst in seinem großen Einleitungskapitel „Weltanschauung und Weltgeschichte" auseinandergesetzt. Aber sein mächtigstes Gegenargument bleibt hier die Art der Durchführung des Grundmotivs in seinem Werk selbst. Geist und Stimmung der Jahrhunderte werden hier schon in der Antike, im Mittelalter und in der Renaissance bis in das Kriegswesen, bis in die Kochbücher und in die Wahl der Vornamen hinein verfolgt. Nicht nur die Staats¬ und Wirtschaftsgeschichte wird als führend selbstverständlich herangezogen, sondern selbst auf den Wandel der Haartrachten, des Festwesens, der Maskenkostüme, der Führung der Geschäftsbücher, der Zahl der Hinrichtungen, der Höhe der Schauspielerhonorare, des Titelwesens oder gar auf den Einfluß von Sonnenifleckenperioden und stärkeren Niederschlagszeiten wird gelegentlich geachtet. Und überall wird der Umbruch der Zeiten am eindringlichsten in der Entwicklung ihrer bewußten Weltanschauungen, ihrer Philosophien aufgewiesen. Dabei kann gewiß nicht jede Beleuchtung der Phänomene nach allen Sehen befriedigen; manche Akzentuierung und Bewertung, wie etwa die des Positivismus oder der Klassenphilosophie des 19. Jahrhunderts, werden viele anders wünschen. Nirgends aber bleibt Joels Urteil in akademischer Blässe hängen, und es ist erstaunlich, wieviel lebendiges Licht noch in diesem weitesten welthistorischen Rahmen auf speziellste Sonderproblematik fällt (wie etwa bei der meisterhaften Einzelinterpretation der Axiomentafel im 1. Buch der spinozistischen Ethik). Vor allem aber bleibt es bewundernswert, wie diese Überfülle des schwierigsten und oft abstraktesten Materials durchgehend verlebendigt und beseelt wurde, so daß das Monumentalwerk geradezu als Lesebuch für jeden Gebildeten geeignet bleibt. Schopenhauer sprach einst dem Juden schlechtweg die Ehrfurcht ab. (Diese Verurteilung trifft wohl manche ungeistige Schichten des Judentums zu Recht, in denen hauptsächlich die Freude an den Geschichten des klugen und ach so dummen „Moritzchen" zu Hause ist. Gegenüber dem Typus des eigentlich geistigen Juden scheint mir dies Urteil besonders verfehlt zu sein.) Es gibt wohl bisher neben dem Alterswerk Joels keine zweite Geschichtsphilosophie, die im Großen und im Kleinsten so übervoll ist von Ehrfurcht vor allem Gewordenen und voll von liebender Versenkung in die konträrsten Erscheinungen des geschichtlichen Lebens. Joel versteht nicht nur die ihm verwandten historischen 325