Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Zum Gedächtnis Karl Joels (gest. 22. Juli 1934) und seines Alterswerks: Weltgeschichte u. Weltphilosophie [Rezension]
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 324 (sequence 1)
- Language
- German
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Zum Gedächtnis Karl Joels (gest. 22. Juli 1934) und seines Alterswerks: Weltgeschichte u. Weltphilosophie Karl Joel, Sproß aus einem der bedeutendsten deutschen Rabbinergeschlechter des 19. Jahrhunderts, hat noch am Spätabend seines Lebens ein einzigartiges Monumentalwerk vollendet: eine Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie, Deutung der Weltgeschichte und Weltphilosophie in einem. Am Beginn der reichen Lebensarbeit Joels steht eine dreibändige ungemein eindringliche und gelehrte Analyse über die rätselhafteste Erscheinung der menschlichen Denkgeschichte, über Sokrates. Hier wurde das gesamte Quellenmaterial, das uns über diese dämonischste Gestalt des klassischen Griechentums zur Verfügung steht, mit einer unvergleichlich minutiösen und zugleich höchst originalen, souveränen Kraft durchleuchtet. 1921 wurde dann diese Sokratesforschung von Joel unterbaut und eingeordnet in eine Gelschichte der antiken Philosophie von Thaies bis Plato. Und in den letzten Jahrzehnten seines Schaffens bis unmittelbar zu seinem Tod hat er dann diese Studien ausgeweitet zu seinem fast 2000 Seiten umspannenden Werk „Wandlungen der Weltanschauung", das eine Geistes- und Weltgeschichte von der vorchristlichen Antike bis zur Gegenwart ausbreitet (Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen 1934). Diese ungeheure Stoffmasse erscheint bei Joel in einem säkularen Rhythmus gegliedert, der seiner Meinung nach die ganze Weltgeschichte durchgreift. Joel nimmt an, daß in den Jahrhunderten immer Epochen der Bindung, der Einigung aller Leb ensersch einungen mit solchen der Lösung, der Gliederung abwechseln. Wie sich schon in allem Leiblich-Organischen ein dauernder Wandel vollzieht zwischen Assimilation und Dissimilation, Aufbau und Abbau, Komplizierung und Zerlegung der Lebensstoffe, Bindung und Freiwerdung der Energien, so folgen auch in der Geschichte Zeiten der Analyse, der Diastole, der Variation, der Sonderung, der Differenzierung und der Dissonanz auf Zeiten der Synthese, der Systole, der Komplikation, der Ballung, der Integrierung und der Konsonanz. Epochen der politischen Revolution, des Individualismus, der Freiheit werden abgelöst durch Zeitalter der Restauration, des Kollektivismus, der Autorität. Und so verrät sich — getreu diesem Gesamtrhythmus der Geschichte — vor allem in der Entwicklung der Weltanschauungen der entsprechende Wandel zwischen Zeiten der Kritik, der Skepsis, des Subjektivismus, der Einzelwissenschaften, und Zeiten des Dogmatismus, der Didaktik, des Objektivismus, der Systemwissenschaft und des Universalismus. Jede dieser Epochen pflegt dabei nach Joels freudigem Geschichtsvertrauen eine Bereicherung der Kräfte der vorangegangenen zu bringen. In drei Generationen, d.i. in etwa einem Jahrhundert, schwingt nach Joel jeweils jede dieser Geisteswelten ihr Leben aus. Nach jeder Bewegung der Zusammenfassung der Energien erhebt sich in der säkularen Folge des Geschehens ein Wille 324