Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Zum Gedächtnis Karl Joels (gest. 22. Juli 1934) und seines Alterswerks: Weltgeschichte u. Weltphilosophie [Rezension]
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 326 (sequence 3)
- Language
- German
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Bewegungen, auch die seinem Wesen fremden läßt er stets mit ihren fesselndsten Argumenten zu Worte kommen. Und es klingt fast wie eine übermenschliche Selbstentäußerung, wenn er einmal vom Fanatismus bemerkt: es wäre selber Blindheit, im Fanatismus nur die Blindheit eifernder Gewalt zu sehen. Der sich immer mehr bewußt politisch einstellenden Geschichtsbetrachtung der Gegenwart könnte dieses Maß von Selbstüberwindung leicht als Schwäche erscheinen. Aber dieser Fanatismus des Verstehens, der beim Politiker Unzulänglichkeit werden könnte, wird beim Historiker immer erstes und letztes Anzeichen, von Größe bleiben. Und so sollten wir hoffen, daß dieses große Werk Joels mit seinem treuen Dienst an der Geschichte auch die Liebe und Ehrfurcht finde, die es wie wenige Leistungen der Zeitgenossen verdient. David Baumgardt Karl Mannheim, „Mensch und Gesellschaft im Zeitälter des Umbaus' A. W. Sijthoff Verlag, Leiden 1935 Die totale Krise, die in Europa seit langem herrscht und sehr viele Gruppen in ihrer bisherigen Lagerung gefährdet, hat mit zunehmender Schärfe die intellektuelle Anteilnahme eben dieser Gruppen und den Wunsch nach neuer Orientierung hervorgerufen. Diesem Bedürfnis nach Klärung entspricht die große Zahl der Krisenschilderungen, von denen jede eine je nach ihrem Ansatzpunkt verschiedene Lösung vorschlägt. Denn über die Erkenntnis der gegenwärtigen Situation hinaus enthält offen oder versteckt jede Analyse den Willen zur Veränderung eben dieser Situation. Da die meisten Darstellungen aber daran kranken, daß sie mit heißem Herzen und mit ebenso heißem Kopf verfaßt sind, ist es höchst erwünscht, wenn sich ein Mann zu Worte meldet, der auf Grund seiner exakten Untersuchungen wie kein anderer dazu berufen ist und auf dessen Antwort nicht nur seine persönlichen Schüler, denen die vorliegende Veröffentlichung gewidmet ist, sondern auch alle diejenigen geradezu gewartet haben, denen er durch seine früheren Analysen die Struktur des modernen Menschen und seiner Welt hat klären helfen. Denn der ehemals in Frankfurt, jetzt an der London School of Economics wirkende Soziologe K. Mannheim hat von seiner ersten Veröffentlichung, der „Strukturanalyse der Erkenntnistheorie", an bis zu seiner letzten, der „Wissenssoziologie", nach Max Weber und Scheler wohl die gewichtigsten Beiträge zum Wesen des modernen Menschen geliefert und gleichzeitig den Begriffsapparat gereinigt und geschärft, mit dessen Hilfe es überhaupt erst möglich wird, die Mechanik des modernen Daseins zu erhellen, wie es in diesem Buche geschieht. Mannheim geht in seiner neuesten Untersuchung von Erscheinungen 326