Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Abessinische Juden
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 312 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895546-2905302--08300-2905410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Grunwald: Abessinische Juden „Manbar" für Richter und Richterstuhl mit arab. Alminbar, unserem Almemor zusammenstellt). Eine heilige Lade („Tabot", hebr. teba), wie sie die abessinischen Christen verehren, kennen die Falaschas nicht. Die Beschneidung — sie wird, wie bei anderen afrikanischen Volksstämmen, auch an Mädchen geübt — vollzieht, wie s. Zt. Zippora, eine Frau. Der Erstgeborene wird ausgelöst. Da sie ohnehin in Hütten („Tumuls") wohnen — die Dächer dieser Hütten tragen übrigens, wie bei den Somalinegern, eine Art Topf, wohl um für die Vögel darin Regenwasser aufzufangen —, bauen sie am Laubhüttenfest keine Sukka; sie essen auch an diesem Fest Mazzot. Dem Peßach gleich wurde es wohl in heidnischer Vorzeit als Sonnwendfest betrachtet. Purim und Chanukka feiern sie nicht, wie sie auch Mesusa, Zizith und Tefillin nicht kennen. Den Messias erwarten sie aus dem Hause Davids. Der Leichnam wird gewaschen und mit Klageliedern bestattet. Der Trauernde erhält in den Trauertagen, deren Vorschriften ungefähr den Bestimmungen der Mischna entsprechen, das Essen von den Nachbarn. Auf das Seelenheil ist man sehr bedacht. Die „Jahrzeit" wird beobachtet. Wie bei uns der Sterbetag Moses, wird dort der Abrahams feierlich begangen. Zum Unterschied von den Christen in Abessinien gibt es bei den Falascha die Leviratsehe nicht. Die Frau steht dem Manne rechtlich gleich. Die Sittlichkeit der Falascha wie ihre Reinlichkeit steht hoch über dem Niveau der übrigen Abessinier. Sie sind fast ausschließlich Handwerker. Was Abessinien an Industrie aufweist, ist ihnen zu verdanken. Es gibt bei ihnen Mönche („nesirim"), heilige Eunuchen — ein Nachhall des alten Anachoretentums — und Nonnen. So stellen sie alles in allem ein Gemisch von rabbinischem und apokalyptischem Judentum dar mit samaritanisch-karäischen und anderen Elementen, wie wir es ähnlich im Gottesdienst des Oniastempels zu Heliopolis vorfinden und in Elephantine voraussetzen dürfen. David ben Simra, im 16. Jahrhundert Rabbiner in Ägypten, beurteilt in einigen konkreten Fällen diese Mischreligion milder als die Sekte der Karäer, weil diese in bewußtem Gegensatze zum Rabbinismus steht. (Er kam mit den Falascha in Berührung, wie s. Zt. Maimonides mit den Juden Jemens.) Es ist anzunehmen, daß Juden von den ägyptischen Königen schon in sehr früher Zeit an der Südgrenze des Reiches zum Schutze der Handelswege nach Äthiopien angesiedelt worden waren und daß auf diesem Wege das Judentum nach Abessinien gedrungen ist. Jesaja und Zephanja sowie die Apostelgeschichte (8, 27 ff.) sprechen vom Judentum in diesen Gegenden, dem wohl auch Mosis „kuschitische" Frau entstammte. Abessinische Stammessagen weisen auf sehr frühe Anfänge jüdischen Lebens im Lande hin. Daß sich das Judentum der Falascha von dem jüdischen Einschlag in der abessinischen Staatsreligion in manchen Punkten unterscheidet, läßt sich aus zeitlicher wie örtlicher Verschiedenheit jüdischer Einflüsse erklären. Jedenfalls scheinen die Beziehungen zum Judentum Ägyptens weit enger zu sein als die zum südlichen Arabien. Das ist alles, was wir von Religion und Kultur der Falascha heute wissen. Es reizt zu näherer Durchforschung. 312