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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 310

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Abessinische Juden
Date
1935-09-01
Page
310 (sequence 2)
Language
German
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Max Grunwald ist um so mehr zu bedauern, als es sich hier um eine Kulturerscheinung handelt, von deren Erforschung manche wichtige Aufhellung bisher dunkler religionsgeschichtlicher Zusammenhänge zu erhoffen ist, während andererseits die Anzahl der Falascha durch Kriege mit den zum Christentum bekehrten Abessiniern, später durch den Bekehrungseifer schwedischer Missionare von etwa einer Viertelmillion vor nicht all zu langer Zeit auf etwa 5o ooo in der Gegenwart vermindert wurden und manches aus ihrem Kulturbesitz verloren gegangen ist. Jene Kämpfe, in denen besonders Falaschafrauen eine mitunter erstaunliche Führerfähigkeit, oft eine selbst vom Feinde bewunderte Seelengröße an den Tag legten und die jahrhundertelang für die Juden siegreich verliefen, begeisterten Schwärmer wie Eldad Hadani im 9. und David Reubeni im 16. Jahrhundert zu der Idee, Palästina den Juden zurückzugewinnen. Ethnographisch ist in den Falascha jüdischer Einschlag noch nicht einwandfrei crmitlelt. Ob und inwieweit sich hier „Sem die Zelte Harns" geöffnet haben, ist aus dem Äußeren z.B. der verschiedenen Falaschas, die wir dank Faitlovich in Europa zu sehen bekamen, nicht ohne weiteres ersichtlich. Ihre Sprache ist die ihrer jetzigen Heimat, das Agau, während die abessinischen Christen amharisch sprechen. Nur im Kultus beider Gruppen haben sich hebräische Bezeichnungen erhalten sowie solche in dem jüdischen Aramäisch, in dem auch Papyri ägyptischer Herkunft geschrieben sind. Das Schrifttum der Falascha ist, wie das der dortigen Christen, in einer nur noch im Kultus gebräuchlichen Sprache, dem Geez, abgefaßt. Ihrer Bibel, die den Pentateuch, Josua, Richter und das Buch Rut umfaßt und ihnen mit den Christen gemeinsam ist, liegt die griechische Übersetzung, die Septuaginta, zugrunde. Sie wurde aber, etwa im 10. Jahrhundert, mit Benutzung arabischer Kommentare, so der Bibelerklärung Saadjas, von Kennern des hebräischen Urtextes nach diesem revidiert. Weisen schon diese Momente auf Ägypten als Ursprungsland der Kultur der Falascha hin, so noch deutlicher ihr religiöses Leben. Streng halten sie den Sabbat nach dem Gebot der Tora und einer besonderen Sammlung von Sabbatvorschriften, die aber, wie das ganze Falaschentum, keinerlei direkte Beeinflussung durch den Talmud verrät. Es wird kein Feuer angezündet, nicht gekocht, der Tag mit Gebeten ausgefüllt, deren Fülle an die Übung der Essäer erinnert. Fremdartig berührt hingegen ihre Personifizierung des „Sanbat", wie sie den Sabbat bezeichnen, nicht poetisch, wie in unserem Lecha Dodi, sondern mythologisch als einer (von ihnen als Analogie zur Maria der Christen aufgefaßten) Gottheit, der sie Opfer darbringen und die ihrem Charakter nach der Venus nahesteht. Hier liegt eine Beziehung zu dem „Schambat-El", von dem in einem der Papyri aus der jüdischen Grenzgarnison in Elephantrne (Oberägypten, um 5oo v.) die Rede ist, und, wie es scheint, zu der „Aschimat" der Samaritaner vor. Daß Sanbat schon vor der Erschaffung der Welt da war, entspricht der Auffassung des Sabbats im apokryphen „Buch der Jubiläen", das zur Literatur der Falascha gehört, sowie bei Philo von Alexandrien, auch der der Tora im rabbinischen Judentum. Verwandt, wenn nicht identisch ist Sanbat mit der babylonischen Ischtar, die wir unschwer in der Benennung Isterio für den Jomkippur der Falascha erkennen. Der Tag wird als Allerseelentag mit Fasten und Beten, aber auch mit Tänzen wie einst in Jerusalem verbracht. Der Name Isterio weist auf die Fahrt Ischtars zu den Abgeschiedenen hin, zu den 310

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