Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Östliche Impressionen
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 309 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Grunwald: Abessinische Juden der Stadt. Stille steht an dem Himmel, bis ein Schrei sich aufbäumt, ein rasendes Roß, und, über die Stadt aufsteigend, sich verhängt, verklammert, verankert in Erwartung der rückkehrenden Seele. Kein Mensch hört den Schrei, den jungen Morgenschrei der uralten Stadt, allnächtlich ausgestoßen von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod, kein Mensch hört den Schrei. Ich aber vernahm ihn, ein nächtlicher Wanderer, der die Tore der Stadt küßte und ihre Straßen, die Mauern ihrer Häuser in seliger Hingabe an das Geheimnis ihres Seins. Ich hörte die Seele der Städte zurückkehren und schrieb mein Vergessen in die Winde des Morgens. Ehrwürdig wurde ich im Dienst meiner Liebe, alt wurde ich mit den Städten und allnächtlich wuchs ich in ihnen. Mein Auge verbarg, was es gesehen. Mir ist die Seele der östlichen Städte nicht fremd, denn ich weiß um ihr nächtliches Geheimnis. Rot steht die Sonne auf den östlichen Türmen der Stadt. Müde stehen die Häusermauern, und die kargen Fenster sind wie ein abgezwungenes Lächeln auf dem Mund einer Trauernden. Müde kehrt die Seele in ihren Körper, und die Tore der Chane knarren schlaftrunken schmalgelenkige Esel in die erwachenden Straßen hinaus. Morgen im Osten: eine schläfrige griesgrämige Matrone ist deine westliche Schwester. Du aber bist der Aufgesang, ein täglich neuer Aufgesang des wahrhaften Lebens. Die ersten Schreie der Steppe kommen vor die Tore der Stadt, und die Straßen beginnen vor mir zu wandern im hellen Licht des beseelten Morgens. Max Grunwaid: Abessinische Juden Wie Abessinien im allgemeinen jetzt erhöhte politische Beachtung findet, so verdient das Falaschaproblem besondere Aufmerksamkeit. Diese Juden, die sich selbst als „Beita Israel" (Haus Israel) bezeichnen, leben seit Jahrtausenden von dem Gros der Judenheit abgeschlossen, hatten auch bis vor kurzem von deren Vorhandensein keine Kenntnis. Wie die Marranen Portugals haben sie sich vor dem ihnen feindlichen Christentum in schwer zugängliche Gebirge zurückgezogen und so ihr Judentum erhalten. Etwa seit dem vierten Jahrhundert führen sie so, indem sie sich bewußt als Juden von der Umgebung, vielfach wesentlich, unterscheiden, ein Leben, das zum Teil aus dem kanonischen und anderem alten jüdischen Schrifttum herzuleiten ist, zum Teil aber einer Erklärung bedarf, zu der erst Ansätze zu verzeichnen sind. Diese Rückständigkeit der Forschung 309