Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Östliche Impressionen
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 308 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Y. Ben-Gavriel: östliche Impressionen hoch, und wir erkannten, daß wir noch immer Menschen waren, furchtbar selbst dem wilden Vogel des Abends. Traurig glitten wir im aufkommenden Wind zum Tempel zurück, ins Leben zurück. Als wir das Tempeltor öffneten, klang der unendlich harmonische Fünfklang des Glockenspiels über dem Tor und wir traten wortlos in die verfallenen Gewölbe, deren Dach sich ungeheuer hoch hob über uns, die wir durch seine Luken in den blauen Nachthimmel sahen, auf dem die Sterne des Südens wie die Augen weltferner Nachttiere zuckten. Affen schrien aus den Zweigen der Tamarisken im Tempelhof, und wir verzweifelten an uns und verteilten uns wortlos in die Gewölbe, denn jeder wollte allein sein mit dem, der ihm in diesem Augenblick am nächsten stand: mit sich selbst. Östliche Städte Auch die Stadt hat ihre Seele. Es ist die Seele eines riesigen alten Tieres, das mitunter aus seinem harten Schlaf aufschreit, um dann weiterzuschlafen in die Zeit der Ewigkeit hinein. Ich fühlte die Seele morgenländischer Städte, denn ich lag am Puls ihres Herzens. Stambul taucht vor mir auf mit dem morgenroten Schrei des Meeres in seiner satten Bläue, mit den damals noch wuchtigen Moscheen unter zarten Minaretten, Rufzeichen vergehender Frömmigkeit, Konya sehe ich wieder, Brutnest der gelben Steppenhitze, Haleb, die Weiße, verglast in siedender Schwüle, die durch die weißen Straßen zittert wie ein bohrender Schmerz, Damaskus vor den Pilgerhäusern des Sultan Selim, und die Heiligste: Jerusalem. In den Nächten der Städte — ihr ehrwürdigen Nächte, ich belauschte euer schlafendes Atmen — öffnet der Himmel seine Pforten, und aus den dunklen Gassen steigt die Seele der Stadt empor, unsichtbare Flamme auf den Schwingen der Nacht. Um die nächtlichste Stunde, wenn die Steppe um die Stadt schwer atmet im Schlaf ihrer Träume, schreiten die Namen der Städte durch die Straßen und suchen die Mutter, die im Himmel weilt, das Bekenntnis ihres Seins abzulegen. Das sind die Nächte der östlichen Städte, die in den Steppen kauern, am Rande der Verzweiflung, in der Mitte der aufjauchzenden Freude. Ich schreite, ein Wächter meiner Liebe, durch die dunklen Bazargassen, klopfe an die versperrten Gewölbe und blicke in die Häuser der Schlafenden. Mütter sehe ich über ihren Kindern, Geliebte in den Armen des Geliebten, Sterbende im Angesicht der Erkenntnis, Hungernde in satten Träumen und Mildtätige auf friedlichem Lager. Tief schläft die Stadt, ein abgrundtiefes Geheimnis, und die Geister aller Erschlagenen heulen nicht mehr vor den Toren 308