Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Östliche Impressionen
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 307 (sequence 1)
- Language
- German
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M.Y. Ben Gavriel: Östliche Impressionen Abendlicher Ausflug Am äußersten Ende der Teiche des Neunfachen Glücks stand, am Rand eines fast undurchdringlichen schwarzen Pinienwaldes, ein alter halbverfallener Tempel. Grasbüschel wucherten auf seinen Stufen, und aus dem vierfachen Dach hatte der Wind Drachenköpfe und Glockenzug weggerissen, von den Wänden wich die Bemalung und die Wohnungen der Priester standen leer und traurig. Des Abends fuhren wir in die Teiche hinaus. Langsam glitt unser schwarzer Kahn über die ölige Fläche des Wassers; das gelbe gerippte Segel schlug schwach an den Bambusmast. Wir fuhren den vielfachen Windungen der gelben Ufer entlang, durch alle Buchten, immer weiter hinaus, und unsere Blicke konnten dann nicht mehr über die Ufer gleiten. Leise Melancholie des Verfalls hatte uns ergriffen und wir sangen ein trauriges Lied, ohne es recht zu wollen. Zärtliche Ruhe war in uns, tiefe Müdigkeit, als hätten wir alles Leben zurückgelasssen, als wir das schwarze Schiff bestiegen; und selbst als der alte Fährmann dröhnend an den Gong schlug und die Töne auf uns zukamen wie aus einer anderen fernen Welt, wollten wir nicht die Hände regen und nicht die Gedanken. In uns war der Rest des Lebens eingegangen in jene feinste Schwingung, die, im Vorhof des letzten Glücks, die Vereinigung mit dem Nicht-Sein, das wir Ayin nennen, bebend erharrt. Schwarzer Kahn, dunkles Wasser — viele Schreie starben in unserer Brust, und was uns bewegt hatte, war erlahmt, geschwunden in die Fülle des Nichts, dem wir entgegenglitten in die Tiefe des hereinbrechenden Abends auf den Teichen des Neunfachen Glücks. Ein Kieselstein, der aus unserem Boot ins Wasser fiel, zog weite goldene Kreise. Ein Storch, der über uns flog, zog lange breite Linien. Kreis und Strich, eins im andern, Leben und Nicht¬ Leben, Traum und Verdämmern — o ihr Teiche des neunfachen Glücks! Wir zogen den Kahn ins karge Gestrüpp der Bucht. Müde rieselte Sand ins Wasser, und das Schilf des Ufers bog sich im leisen Wind uns zu. Aufrauschend flog ein Zug von Schilfvögeln 307