Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Der Gof
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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E. Meister: Gebet Zerstreu' die Wolken, Herr, die dich verhüllen und offenbare mir dein Angesicht. Durch deines Wesens leuchtend klares Licht gib mir die Kraft, mich selber zu erfüllen. Sei gegenwärtig. Prüfe mich im stillen. Lehr' mich die Not, das Leid und den Verzicht. Auf meine Schultern bürde dein Gewicht und beuge sie nach deinem sanften Willen. Nicht alle, welche kommen oder gehn, sind, Herr, von dir zur Wandlung ausersehn. Nicht alle läutern sich in deinem Namen. Lass' unter denen, die dein Geist beseelt und die von dir begnadet und erwählt, auch mich dein Echo, dein Geschöpf sein! Amen. Die Alten neigen ihre grauen Köpfe noch näher dem Boden zu. Sie versuchen jetzt auch einen Sinn zu finden, auch sie wollen jetzt ergründen, warum ihr Vorbeter die Worte, die er gerade in dieser Nacht laut und unbeschwert zu des Ewigen Ehre heraussingen sollte, mit letzter Kraft herauswürgen mußte. Aber keinem will ein triftiger Grund einfallen. „Der Chajim hatte einfach keinen Grund dazu", meint der schwarze, immer spottende Gabriel. Der alte Jakob wußte es besser. Er ließ einige Minuten der Beklommenheit und Spannung vergehen. Dann setzte er seinen Bericht fort: „Der Gof war schuld. Sein Sohn. Ich habe ihn am Erew Jom- Kippur bis auf die Straße gehört. Kam gerade am Lehrerhaus vorbei. Wie ein Wilder tobte der Gof und schien von allen guten Geistern verlassen zu sein. Sagte unserem Chasen, er, sein Sohn, könne nicht mehr beten, er habe es verlernt. Es ginge einfach beim besten Willen nicht mehr. Der Chajim stellt Frage auf Frage, der Gof bleibt stumm. Ist nicht zu einer Antwort zu bewegen. Ich sehe ein wenig ins Studierzimmer. Plötzlich schweigen beide." „Wundert mich nicht", meinte nun der Schmul, der sonst keine drei Worte sprechen konnte, „kann das noch ein richtiger Sohn 305